Ryan Gattis: Safe

(c) Rowohlt Polaris

“In den Straßen die Wut” zählte zu meinen Lieblingsbüchern der letzten Jahre. Darin schrieb der US-Autor Ryan Gattis über die gewalttätigen Unruhen 1992 in Los Angeles – ihm gelang damit ein Überraschungserfolg. Nun liegt mit “Safe” sein neuer Kriminalroman vor, der teilweise sogar inhaltlich an den Vorgängerroman anschließt, obwohl er im Jahr 2008, in den Tagen vor und nach der Lehman-Pleite (natürlich nicht ganz zufällig), spielt. Im Zentrum der Handlung stehen aber wieder Ghetto-Gangster.

Ricky Mendoza, Spitzname Ghost, hat den Weg aus dem Ghetto geschafft und verdingt sich als Safeknacker für die Drogenbehörde DEA. Jahrelang hat er diesen Job erledigt und ist dabei anständig geblieben. Doch dann beschließt er, Geld aus einem dieser Safes abzuzweigen – allerdings nicht in die eigene Tasche. Fortan hat er Gangmitglied Rudy Reyes, Straßenname Glasses, an seinen Fersen.

Es mag Thriller auf dem Cover stehen, dieses Etikett wird dem Roman aber nicht gerecht. Denn Gattis erzählt aus der Perspektive zweier Männer, die einander durchaus ähnlich sind, eine sentimentale, aber niemals pathetische Geschichte über zwei (und eigentlich noch viel mehr) Leben unter widrigen Umständen. Der Autor überzeugt, weil er keine Ghettotristesse serviert, sondern Realismus mit fast märchenhaften Elementen, Kapitalismuskritik und einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte (zu der er vor Kapitel 1 auch gleich noch den passenden Mixtape-Soundtrack liefert) verbindet.

Gattis anerkennt Genregrenzen nur, um sie zu verschieben. Ihm ist damit wohl der herzzerreißendste Kriminalroman des Jahres gelungen.

9 von 10 Punkten

Ryan Gattis: “Safe”, übersetzt von Ingo Herzke und Michael Kellner, Rowohlt Verlag, 414 Seiten.

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1 Comment

Filed under Rezensionen

One response to “Ryan Gattis: Safe

  1. Vollste Zustimmung. Es ist immer so eine totgenudelte Phrase von wegen “dieser Roman bricht ihnen das Herz” – hier trifft sie relativ gut zu. Wie Gattis seine Protagonisten schildert, womit sie kämpfen und welches Schicksal ihnen bevorsteht, das ist wirklich bravourös gemacht!

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