Der Krimi im digitalen Zeitalter

(c) KiWi

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Der Kriminalroman in Zeiten der Digitalisierung. Was lässt sich darüber sagen? Ich habe mir ein paar Gedanken dazu gemacht.

Tom Hillenbrand hat 2014 mit “Drohnenland” einen der besten deutschen Kriminalromane der letzten Jahre geschrieben. Vieles, was mir darin vor zwei Jahren noch allzu futuristisch erschien, erscheint zwei Jahre später schon allzu vorstellbar (dass er damals bereits den Brexit thematisierte sei auch erwähnt). Am meisten hat mich an Hillenbrands Buch aber fasziniert, dass er aufzeigt, dass es selbst in einer perfekt überwachten, durchdigitalisierten Welt immer Schlupflöcher geben wird. Dass irgendwann alle Verbrechen verhinder- oder lösbar sein werden, das ist eine Illusion. Gut so, sonst könnte man den Kriminalroman abschaffen oder nur mehr in historischem Setting spielen lassen!

Am stärksten geht der Future Noir auf die digitale Entwicklung ein – in dystopischen Szenarien wie in “Drohnenland”, aber auch in Adam Sternberghs “Feindesland”, Nathan Larsons “2/14” oder Gudrun Lerchbaums “Lügenland”. Natürlich gibt es auch viele Techno-Thriller, hier seien besonders die Bücher von Marc Elsberg zu erwähnen – “Blackout”, “Zero” und nun “Helix”.

Natürlich spielen Soziale Medien, Smartphones und sich ständig verändernde Alltagswelten zunehmend auch in vielen Kriminalromanen immer öfter eine Rolle. Da kommt auch Dinosaurier Jack Reacher nicht aus. Mein Eindruck mag täuschen, aber gleichzeitig gibt es auch einen Boom historischer Kriminalromane, die man als eine Art Gegentrend deuten kann. Während man also auf der einen Seite fasziniert von den technischen Neuerungen ist, steigt offenbar auch das Bedürfnis, frühere Welten ohne all den digitalen Firlefanz zu verstehen.

(c) Suhrkamp

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Wie war das damals in den 1980er Jahren – oder auch in den 1880er Jahren? Auch hier hat der moderne Kriminalroman viel anzubieten. Erwähnt seien die Trilogien von William Shaw (“Abbey Road Murder Song”, “Kings of London”, “History of Murder”) und Lyndsay Faye (“Der Teufel von New York”, “Die Entführung der Delia Wright”, “Das Feuer der Freiheit”). Philipp Kerr sei hier ebenfalls nicht vergessen. Und auch “Der Kaffeedieb” von dem bereits erwähnten Tom Hillenbrand, ein historischer Krimi, der Ende des 17. Jahrhunderts spielt.

Vielleicht erklärt sich auch der aktuelle Trend zum Country Noir ein wenig damit. Hier hält die Technik nur langsam Einzug, thematisiert wird das etwa in Benjamin Whitmers Krimi “Nach mir die Nacht”. Wo lässt sich besser unauffällig morden? Wo verschwinden Menschen einfach spurlos und werden womöglich irgendwo vergraben? Am besten geht das halt am Land, wo es nicht um jede Ecke einen unliebsamen Zeugen gibt. Mit Idylle ist es da nicht weit her. So gesehen ist der Country Noir so etwas wie die Wiege des modernen Kriminalromans. Hier sind die Uhren der Zeit stehen geblieben und die menschlichen Triebe bleiben immer die gleichen. Abseits des Lichts der Großstadt stirbt es sich so düster, hinterhältig, banal, schmutzig und brutal wie sonst nirgendwo.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die Zeit der klassischen Großstadt-Krimis ein wenig vorbei ist. Natürlich gibt es da immer noch Michael Connellys L.A.-Krimis, aber dann wird es recht rasch dünn (vielleicht lese ich aber auch nur das falsche Zeugs!).

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3 Comments

Filed under Krim(i)skrams

3 responses to “Der Krimi im digitalen Zeitalter

  1. Guter Beitrag. Die aktuelle Schwäche der Großstadtkrimis ist tatsächlich interessant, wobei mir noch Richard Price eingefallen ist. Außerdem hoffe ich auf den neuen Winslow “Corruption”.

  2. Das ist Geschmackssache, wem es gefaellt.

    Liebe Gruesse

    Monika

  3. Klasse Buch. Habe es mir gestern gekauft und der Einsteig hat mich gleich gefesselt, sodass ich fast 3 Stunden gelesen habe 🙂

    Grüße

    Thomas

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