Jerome Charyn: Winterwarnung

(c) Diaphanes

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Meine erste literarische Begegnung mit Jerome Charyn gestaltete sich vor drei Jahren wenig zufriedenstellend. Ich konnte mit seinem Buch “Unter dem Auge Gottes”, dem elften Band der Isaac-Sidel-Reihe, wenig anfangen. Mir war das zu surreal und chaotisch. Ich war ratlos, wie man meinem Text von damals gut entnehmen kann. Kurz darauf hatte ich das dann noch einmal präzisiert, weil mich ein Posting von Thomas Wörtche weiter zum Nachdenken brachte. “Dieser Charyn ist für mich ein Rätsel und genau deshalb werde ich in nächster Zeit bestimmt noch mehr von ihm lesen. Vielleicht war ich für seinen Stil noch nicht bereit, vielleicht werde ich es aber auch nie sein”, schrieb ich.

Tja, nun bin ich offenbar bereit für Charyn, denn “Winterwarnung”, Band zwölf der Sidel-Reihe, hat mir die Augen für diesen außergewöhnlichen Autor geöffnet. Ich habe verstanden: Nicht immer muss Realismus Trumpf sein. Vielleicht liegt es daran, wie sich die Welt momentan präsentiert. Denn Charyns neues Buch bildet, obwohl vollkommen fantastisch, die Realität viel besser ab als manch hyperrealistischer Politthriller. Gerade in Zeiten, in denen Irrationalität in der Politik vorzuherrschen scheint, machen Charyns Bücher die Welt begreifbar.

“Wissen Sie, wie viele Bösewichter ich umlegen musste, um dort hinzukommen, wo ich jetzt bin?”

Ein US-Präsident, der mit einer Glock im Hosenbund herumläuft? Ein US-Präsident, der seinen Piloten sowie dessen Sohn bei sich im Weißen Haus einquartiert? Das hätte man bis vor Kurzem für undenkbar gehalten. Doch mittlerweile scheint nichts mehr unmöglich. “In mehr als fünfzig Jahren des Schreibens bin ich nicht auf so etwas Wahnsinniges gekommen”, sagte Charyn 2013 in einem Interview mit der “Zeit” im Zusammenhang mit dem sogenannten Shutdown, also der Totalblockade des öffentlichen US-Haushalts. Da stellt sich schon die Frage: Was würde Charyn angesichts der Inauguration von Donald Trump sagen?

Worum es geht? Sidel hat sich in der wohl außergewöhnlichsten Crime-Saga in der Geschichte der Kriminalliteratur die Karriereleiter vom einfachen Polizisten emporgekämpft. Er war Polizeichef und Bürgermeister von New York, ehe er nun in Band zwölf zum mächtigsten Mann der Welt aufstieg. Charyn vermischt in seinem Buch, das im Jahr 1989 spielt, Gorbatschow, russische Mafia, groß angelegte Geldfälschung zur Destabilisierung von Währungen, den israelischen Geheimdienst und noch vieles mehr zu einem absurden und vollkommen ausufernden Mix. Der Autor folgt keinen Regeln, lässt seine Geschichte unreguliert mäandern. Charyns Logik ist kaum zu fassen, seine Bücher schaffen schlichtweg eine eigene Welt.

“Ich bin ein Cop, der rein zufällig hier ist.”

Ich mag es dennoch weiterhin am liebsten geradlinig und realistisch, daran wird sich sobald auch nichts ändern. Dennoch hat mich die Lektüre von “Winterwarnung” sehr bereichert. Denn letztlich bleibt mir die Erkenntnis: Es hat eine Weile gedauert, aber nun habe auch ich erkannt, wer gern abtauchen und dann zwischen all dem Unvorstellbaren und Verwirrenden, Humorvollen und Komischen plötzlich viel Wahrheit entdecken will, der ist bei Jerome Charyn richtig.

7 von 10 Punkten

Jerome Charyn: “Winterwarnung”, übersetzt von Sabine Schulz, Diaphanes Verlag, 328 Seiten.

 

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