Der Kriminalroman – bloß eine “Schlachtplatte”?

(c) Heyne

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Ich habe gerade auf FAZ.net eine interessante, lesenswerte Rezension von Stephen Kings “Mind Control” gelesen. Unter dem Titel “Das Ende der Schlachtplatte” schildert der Autor, warum King das Zeug hat, ein ermattetes Genre an seine Wurzeln zurückzuführen. Hier ist allerdings der Punkt, wo ich gerne einhaken würde: Warum ist das Genre des Kriminalromans ermattet?

Bloß weil es unzählige Thriller und Krimis aus den USA und Skandinavien gibt, die man auch als Body-Count-Genre bezeichnen könnte – oder eben als “Schlachtplatte”, wie das der FAZ-Autor macht? Für mich ist das viel zu kurz gegriffen. Das mag ein Subgenre sein, mehr aber auch schon nicht. Gerade zur Zeit präsentiert sich der moderne Kriminalroman so vielseitig wie selten zuvor: Von klassischen Whodunnits (die auch nicht mein Fall sind, wie jeder Leser dieses Blogs weiß) bis hin zu historischen (William Shaw, Lyndsay Faye) und dystopischen Romanen (Tom Hillenbrands “Drohnenland”, Nathan Larsons Dewey-Decimal-Trilogie) hat das Genre doch alles zu bieten. Was ist etwa mit Horst Eckerts zeitkritischen NSU-Krimi “Wolfsspinne”? Was ist mit exzellenten Polizeiromanen, wie “Die Unantastbaren” von Richard Price? Was wäre das Genre ohne den bösartigen Witz eines Ken Bruen (“Kaliber”)? Iain Levisons “Gedankenjäger” wiederum kann man thematisch gleich neben Stephen Kings “Mind Control” stellen. Benjamin Percys außergewöhnlicher Vampir-Krimi “Roter Mond” sprengt ganz in Kings Stil ohnehin alle Konventionen. Sehr innovativ war übrigens auch “In den Straßen die Wut” von Ryan Gattis – wo hat man schon 17 Ich-Erzähler im Einsatz? Hier könnte man fast endlos fortsetzen.

Das Genre des Kriminalromans auf Schlachtplatten zu reduzieren, halt ich für falsch. Das mag zwar die Bedeutung von Stephen Kings Buch hervorheben, tut den unzähligen anderen Autoren anspruchsvoller Kriminalromane aber unrecht.

Und nein, ich habe kein Problem mit Stephen King. Aus meiner Sicht könnte er auch problemlos den Literatur-Nobelpreis erhalten, denn ich kenne kaum einen begnadeteren Erzähler als diesen Ausnahmeautor. Aber diesen Mut wird wohl keine Nobelpreis-Jury je aufbringen. Das wäre dann doch wieder zu konventionell, bloß weil einer gut erzählen kann …

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5 Comments

Filed under Krim(i)skrams

5 responses to “Der Kriminalroman – bloß eine “Schlachtplatte”?

  1. Wenn ich Krimis lese, welche vor 20-15 Jahren geschrieben worden sind, dann gefallen sie mir im Schnitt deutlich besser. Mit aktuellen Krimis kann ich auch wenig anfangen, zumal es immer mehr Gewaltpornos gibt.

  2. Ich habe bei Formulierungen wie “stellt …. bloß” immer ein wenig das Gefühl, dass der Verfasser einer solchen Rezension seine Meinung gegenüber dem Krimi-Genre transportiert und so dem rezensierten Werk, hier “Mind Control”, unterstellt. Ich habe “Mind Control” noch nicht gelesen, vielleicht würde ich dann ähnlich denken, das gebe ich gerne zu.
    Ich denke nach zweimaligem Lesen der Rezension in der FAZ auch, dass die Formulierung vom “ermüdeten Genre” nicht angebracht ist. Es gibt unzählige Facetten der Kriminal-Roman-Literatur, die nicht unter “Schlachtplatte” fallen, jedoch aus den verschiedensten Gründen nicht in den Mainstream geraten oder “gehypt” werden, “handwerklich” (wenn man Schreiben auch als Handwerk sehen möchte) jedoch durchaus gelungen sind.
    Zur Zeit lese ich isländische Romane und lasse mich dabei gerne auch in die weit entlegene Region der Welt entführen. Die Figuren entwickeln sich dort auch je nach Begabung und Engagement der Autoren einmal mehr und einmal weniger gut.
    Just my two cents.

  3. Philipp Elph

    Herr Dr. Sina macht es sich mit Formulierungen wie “…. stellt die aktuellen Krimi-Konventionen bloß” einfach und betrachtet dabei nur ein Segment des “aktuellen Krimis”, der z.B. auch aus haitianischer Kriminalliteratur besteht (Gary Victor). Ebenso wie Gary Victors und auch Patricia Melos Romane erscheinen noch immer Krimis fern der Schlachtplatten-Konventionen.

    • Ja, fein, dass du Gary Victor erwähnst. Ich finde auch, dass das ein sehr enger Blick auf Kriminalliteratur ist. Dabei gibt es da doch so vieles und unterschiedliches.

  4. Also, wenn Dylan den Nobelpreis kriegt, warum dann nicht auch mal ein Krimiautor? Aber während im Film der Krimi/Thriller fest etabliert ist und z.B. ein “No Country For Old Men” den Oscar für den besten Film holt, gibt es in der Literatur fragwürdigerweise noch die Zwei-Klassen-Gesellschaft.

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