Gerald Kersh: Die Toten schauen zu

(c) pulp master

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Als die Nazi-Größe Reinhard Heydrich nach einem Attentat im Juni 1942 stirbt, werden Vergeltungsmaßnahmen beschlossen. Das kleine tschechische Dorf Lidice wird dem Erdboden gleichgemacht, alle männlichen Einwohner werden getötet. Nur wenige Monate später schreibt der Brite Gerald Kersh über das Schicksal des fiktiven Dorfs Dudicka, deutlich als Lidice erkennbar. Er ist nicht der einzige und nicht der prominenteste Autor. Auch der im Exil lebende Heinrich Mann versucht sich mit einer Groteske, was zu seiner Zeit aber vor allem Unverständnis auslöst. Wie könne man sich diesem Thema nur satirisch annähern, so der Vorwurf.

In ihren lesenswerten Nachbetrachtungen schreibt Angelika Müller über “Die Toten schauen zu”: “Wessen wir begegnen ist tief empfundene Empathie für die Opfer. Eine Empathie, die sich niemals im schnöden Pathos billiger Effekthascherei verliert. Und so wenig Kersh sich darin verliert, so wenig verliert er sich in einer blinden Parteinahme.”

Genau diese Einfühlsamkeit hat mich sehr beeindruckt, ebnso wie Kershs psychologisches Gespür. Er schreibt über Menschen, die in Ausnahmesituationen sekundenschnell Entscheidungen unglaublichen Ausmaßes treffen müssen. Wer bleibt sich treu, wer wird zum Verräter? Und was macht das mit den Menschen?

Kershs Roman ist eindringlich. So macht der Autor mit der Beschreibung vordergründiger Schönheit das Grauen begreifbar:

Etwas ganz Wundervolles ereignete sich in der Morgendämmerung von Dudicka. Zwei Menschen gestanden einander ihre Liebe, und als sie es taten, erblühte der Himmel wie ein Apfelbaum in einer Überfülle dahinschwebender rosafarbener Blüten.

Doch das sind keine Blumen, sondern Fallschirme, mit denen die deutschen Soldaten abspringen, um nach Dudicka vorzudringen.

Nun ist dieses Buch erstmals auf Deutsch zu lesen. Zu verdanken ist das – wieder einmal muss man sagen – dem Kleinstverlag Pulp Master, der mit Akribie unbekannte Krimiperlen aus der literarischen Versenkung holt. Zwar ließe sich in diesem Fall streiten, ob es sich überhaupt um einen Kriminalroman handelt, doch das wäre unangebracht. “Die Toten schauen zu” ist außergewöhnliche (Kriminal-)Literatur.

10 von 10 Punkten

Gerald Kersh: “Die Toten schauen zu”, übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller, Pulp Master, 227 Seiten.

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