Don Winslow: Palm Desert

(c) Suhrkamp

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Egal, was Don Winslow schreibt, das ist gut – dieser Meinung war ich sehr lange. Ich verstand auch die Kritik an seinen zugegeben nicht gerade hochklassigen Spannungsromanen “Vergeltung” und “Missing. New York” nicht so ganz. Man kann schließlich nicht nur Meisterwerke abliefern. Die Kritik an dem meiner Meinung nach im deutschsprachigen Raum unterschätzten “Das Kartell” verstand ich noch viel weniger.

Mittlerweile ist meine felsenfeste Überzeugung aber gehörig ins Wanken geraten. Von “Germany” haben mich nicht nur die schlechten Kritiken vieler Krimi-Experten und Krimi-Blogger abgeschreckt. Schon der Verlagstext war alles andere als verlockend. Sehr banal klang das alles.

Daher dachte ich mir, ich nutze den letzten Teil der Neal-Carey-Serie, “Palm Desert” (übrigens erstmals auf Deutsch zu lesen, fein übersetzt von Conny Lösch), um mich ein wenig mit Winslow auszusöhnen. Doch nach der Lektüre dieses kurzen und kurzweiligen Krimis bin ich erneut enttäuscht. Ganz ehrlich: Dieses Buch hätte man nicht unbedingt übersetzen müssen. “Palm Desert” wirkt ein wenig wie eine Fingerübung für seine späteren kriminalliterarischen Großtaten. In Ansätzen blitzt da die typische Winslow-Qualität auf. Doch als eigenständiges Werk konnte mich Winslow in diesem Fall nicht überzeugen. Es war wohl auch eine gute Entscheidung des Autors, nach dem fünften Teil Schluss mit der Serie zu machen und sich neuen Figuren zuzuwenden.

Will man wohlmeinend sein, könnte man das Buch als Krimi-Persiflage verstehen. Für mich war es großteils aber schlichtweg Klamauk. Besonders schlimm war es, als eine der Figuren, der 80-jährige Comedian, seitenlang mit seinen lauen Scherzen langweilt. Ich weiß schon, Winslow wollte damit die Leiden des Detektivs Neal Carey näherbringen, aber ich habe diesen schier endlosen Monolog (man hätte die Passage wesentlich kürzer halten können, die Botschaft ist auch so klar) irgendwann einfach überblättert. Das passiert mir bei Winslow normalerweise nie.

Dann war da auch dieser seltsame Bruch in der Mitte des Buches, als sich plötzlich unzählige der insgesamt nur 200 Seiten um einen Briefwechsel drehen, der eigentlich gar nicht so wichtig ist. Der Plot ist schlicht dünn, die Charaktere sind nicht gerade mit viel Liebe gezeichnet. Man hat fast das Gefühl, hier musste jemand noch seinen Vertrag erfüllen und schnell ein Buch nachschießen.

Nachdem ich nun Teil eins und Teil fünf der Neal-Carey-Serie gelesen habe, muss ich sagen, so ganz mein Fall ist diese Serie nicht. Aber man muss ja auch von tollen Autoren nicht zwanghaft alles lesen. Daher ein Tipp: Wer Winslow von seiner besten Seite kennenlernen will, der sollte sein Meisterwerk  “Tage der Toten” (“Power of the Dog”) lesen.

3 von 10 Punkten

Don Winslow: “Palm Desert”, übersetzt von Conny Lösch, 195 Seiten, Suhrkamp.

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4 Comments

Filed under Rezensionen

4 responses to “Don Winslow: Palm Desert

  1. Was “Das Kartell” angeht stimme ich dir vollkommen zu. Ich hatte “damals” bei vielen Kritiken das Gefühl, dass die Leute auf einmal das stört, was sie beim Vorgänger noch genial fanden.

  2. Was für eine Enttäuschung dieses Buch war. Viel mehr als eine Fingerübung war es nicht. Und ich vergebe schon selten nur 1 Eselsohr.. Hoffen wir, dass “bald” wieder besseres kommt. Wenn man überhaupt “bald” sagen kann, das Buch ist ja schon ein paar Jährchen alt.

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