Gerard Donovan: Winter in Maine

(c) btb

(c) btb

Bereits im Oktober 2015 haben die beiden österreichischen Krimiautoren Bernhard Aichner und Andreas Gruber in der ORF-TV-Sendung “erLesen” einen Krimi empfohlen, den ich mir daraufhin notiert und kürzlich gelesen habe. Es handelt sich dabei um Gerard Donovans “Winter in Maine”, das erstmals 2009 auf Deutsch erschienen ist. Ohne die beiden Autoren wäre ich wohl nie darauf aufmerksam geworden.

Julius Winsome lebt zurückgezogen von der Welt in den Wäldern von Maine. Als sein Hund Hobbes von einem Unbekannten offenbar absichtlich erschossen wird, gerät sein Leben aus den Fugen. Aus Julius wird ein gefährlicher Mann, der auch vor dem Töten nicht zurückschreckt. Dabei geht es ihm aber nicht unbedingt um Gerechtigkeit. Nein, er tötet auch Unschuldige. Es ist so, als hätte die Tötung seines Hundes in ihm alle Barrieren zerbrochen, die ihn bislang davon abhielten, die Regeln der Zivilisation zu brechen.

Es ist daher nicht leicht, diesen Julius Winsome zu begreifen. Denn schon bald steht das Blut an seinen Händen in keinem Verhältnis mehr zu seinem Verlust. Es ist diese diffuse Wut von Julius auf die Welt, die an diesem gerade einmal 200 Seiten umfassenden Buch so irritiert. Donovan erzählt ohne falsche Sentimentalität von einem Mann, der konsequent das Falsche tut und nicht mehr zurück kann. Von einem Mann, dessen innerer Kompass verrückt spielt. Donovan macht es dem Leser dabei nicht unbedingt leichter, weil er die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt. Der Leser begeht also Winsomes Taten mit, sieht sie aus seinen Augen.

Dennoch hat mich die Geschichte nicht ganz gepackt, was vermutlich an Donovans reduziertem Stil liegt. Grundsätzlich mag ich das aber eigentlich. Vielleicht lag es auch an den hohen Erwartungen. Hier wird jedenfalls nicht über Moral verhandelt, hier geschehen die Dinge einfach, wie sie geschehen – ohne Wertung. In Ansätzen verstehe ich diesen Julius, dann aber wieder gar nicht. Donovan stellt damit jeden Leser vor das Dilemma, seinen eigenen inneren Kompass zu hinterfragen. Und das ist wiederum schon viel mehr, als die meisten Bücher tun.

7 von 10 Punkten

Gerard Donovan: “Winter in Maine”, übersetzt von Thomas Gunkel, btb, 207 Seiten.

Advertisements

3 Comments

Filed under Rezensionen

3 responses to “Gerard Donovan: Winter in Maine

  1. Eines meiner Lieblingsbücher, habe es nur bisher nie im Krimi-Kontext betrachtet. Absoluter Pageturner jedenfalls.

  2. My Crime Time

    Ha! Das ist doch mal Zufall! Ich habe das Buch vergangenes Jahr gelesen und es immer mal wieder bedauert, dass ich nicht darüber gebloggt habe. Gerade der reduzierte Stil hat mich persönlich sehr gepackt. Er passt halt so wunderbar zur Landschaft, die da ja auch wiederum die Menschen prägt. Sprache, Figuren und Plot passen ziemlich perfekt zusammen. Aber vielleicht ist es ja gerade das, was dich dann nicht packen konnte?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s