Clementine Skorpil: Gefallene Blüten/Guter Mohn, du schenkst mir Träume

(c) Löcker

(c) Löcker

Sollte mir irgendjemand erzählen, wie der österreichische Krimi ist, kann ich in Zukunft einwenden: Und was ist mit Clementine Skorpil? Wer ihre Bücher noch nicht gelesen hat, hat etwas verpasst. Denn sie passen in keine der üblichen Krimi-Schubladen. Manche würde sie vermutlich nicht einmal im Genre des Kriminalromans ansiedeln. Aber letztlich ist das egal, denn entweder sind Bücher gut oder schlecht und Skorpils Bücher gehören eindeutig in Kategorie eins.

Selten bin ich so begeistert in eine mir fremde Welt abgetaucht. In diesem Fall in das Shanghai der 1920er Jahre. China hat mich bislang nicht so wirklich interessiert, doch Skorpil ist es gelungen, dass sich das geändert hat. Das Tolle an ihren beiden Büchern “Gefallene Blüten” und “Guter Mohn, du schenkst mir Träume” ist, dass man als Leser Shanghai nicht von außen sieht, sondern aus der Sicht eines Chinesen. Man erfährt die westliche Welt, die natürlich im von den europäischen Kolonialherren, den „Langnasen“, in Verwaltungszonen aufgeteilten Shanghai der 1920er-Jahre großen Einfluss hat, einmal ganz anders. Es ist faszinierend, Dinge, die heute selbstverständlich sind, aus der Sicht einer alten Chinesin oder eines ungebildeten, deshalb aber noch lang nicht dummen chinesischen Jugendlichen von damals wahrzunehmen: “Statt Pferde, Ochsen oder Kulis vor ihren Wagen zu spannen, setzten sie sich in Dampf spuckende Höllenmaschinen, statt die Treppen hinaufzusteigen, sperrten sie sich in Kammern, in denen man durchgerüttelt wurde, dass man sich alle Knochen brach, statt klares Wasser oder Tee zu trinken, führten sie sich schwarze Brühe mit Kuhmilch zu, obwohl jedermann wusste, dass rohe Milch den Menschen nicht zuträglich ist.” (aus “Gefallene Blüten”)

Skorpil versteht es, charmante, lebensechte Dialoge und Szenen zu entwerfen. Sie erzählt ohne Hast, es dauert daher ein bisschen, bis sich der Sog ihrer Geschichten so richtig entfalten kann. Gleichzeitig sind ihre Bücher kleine Zeitreisen, die auch von dem Spannungsfeld Kommunismus vs. Kapitalismus leben. Mit Schmunzeln liest man da Dispute zwischen der alten weisen Dame Ai Ping und dem jungen Studenten Lou Mang:

“Ein Mensch ist wichtiger als eine Revolution”, sagte sie schließlich. Lou Mang nahm ihre Hand und schüttelte sie. “Nein! Begreift es doch endlich! Ein Mensch ist nicht so wichtig wie viele Menschen.” “Das mag sein”, räumte Ai Ping ein. “Aber ich bin eine alte Frau. Ich kann nicht alle retten.” (aus “Gefallene Blüten”)

Das Einzige, was den Büchern vielleicht fehlt, ist ein kurzes Sachregister der wichtigsten Begriffe. Das wäre für den China-unerfahrenen Leser durchaus nützlich. Aber zumindest gibt es ein Personenregister am Anfang des Buches, zu dem man zurückblättern kann. Denn es ist nicht immer einfach, die vielen verschiedenen Chens auseinanderzuhalten.

9 von 10 Punkten (beide Bücher)

Clementine Skorpil: “Gefallene Blüten” (2013), 352 Seiten, Ariadne.

Clementine Skorpil: “Guter Mohn, du schenkst mir Träume” (2015), 287 Seiten, Löcker Verlag.

Hinweis: Um transparent zu sein, will ich darauf hinweisen, dass Clementine Skorpil und ich den selben Arbeitgeber haben (ohne allerdings zusammenzuarbeiten). Die Qualität ihrer Bücher spricht aber für sich.

Advertisements

Leave a comment

Filed under Rezensionen

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s