Howard Linskey: Killer Instinct

(c) Knaur

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Gleich zu Beginn will ich mich Marcus Müntefering anschließen, der sich verwundert darüber zeigt, englische Originaltitel von Büchern nicht einzudeutschen, sondern “umzuenglischen”. Bei Howard Linskeys Newcastle-Trilogie rund um Aufstieg und Machterhalt von Gangster Dave Blake wird so aus “The Drop”, “The Damage” und “The Dead” folgendes: “Crime Machine”, “Gangland” und “Killer Instinct”. Das ist ein seltsamer Trend, der sich in letzter Zeit (auch bei Kinofilmen) immer wieder beobachten lässt. In diesem Fall führen die Titel zudem in die Irre. In “Gangland” bekämpfen sich keine Jugendbanden und “Killer Instinct” ist kein harter Knast-Thriller, wie man angesichts des Covers vermuten könnte. Dennoch ist das der Punkt, wo man bei dieser Trilogie auch schon wieder zum Jammern aufhören kann.

Linskey schreibt wie sein schottischer Kollege Malcolm Mackay Kriminalromane unter dem Motto “Verbrecher ist ein Beruf wie jeder andere”. Es geht bei beiden maßgeblich um die Ökonomie des Verbrechens. Zu viel Gewalt und Blut sind nicht gut, das schadet bloß dem Geschäft. Während Mackay aber ein wenig geschwätzig wird und Verbrechen als Profession hochstilisiert, trifft Linskey genau ins Schwarze: “Das Geschäft floriert, die Kohle fließt, und wir haben in den letzten  zwei Jahren keinen mehr umgebracht, was ein gutes Barometer für die Gesundheit unserer Firma ist.”

“Crime Machine” zeichnete den fast widerwilligen Aufstieg Blakes zum obersten Unterweltboss der nordenglischen Stadt, “Gangland” sein Ringen um den Machterhalt nach. Mit “Killer Instinct” findet Howard Linskeys Trilogie nun einen würdigen Abschluss. Für Blake wird es immer enger: Sowohl Polizei als auch die Konkurrenz sitzen ihm im Nacken. “Es gibt für mich nur einen Ausweg aus diesem Leben: in einer Kiefernkiste”, sinniert Blake gleich zu Beginn. Das Buch kreist um die Frage, ob er diesem Schicksal entkommen kann.

Und es gibt viele starke Momente darin: Etwa, als Blake Ermittlungsarbeit für die Polizei übernehmen muss, um seine eigene Unschuld beim Tod der minderjährigen Tochter eines Polizisten zu beweisen. Faszinierend auch, wie eiskalt Blake auf Erpressungsversuche und die Bedrohung durch einen mächtigen Oligarchen reagiert. Die Suche nach seinem Vater, den Blake nie kennengelernt hat, rundet die facettenreiche Geschichte perfekt ab. Das alles glaubwürdig unter einen Hut zu bringen, da muss man Respekt zollen.

Was ich mit Marcus Müntefering begonnen habe, will ich auch mit ihm beenden. Sein Fazit auf “Spiegel Online”: “Der Karrierekriminelle, der uns (und sich) glauben machen will, dass er irgendwie zufällig zu dem wurde, was er ist: Gerade diese moralische Ambivalenz seines Ich-Erzählers macht Linskeys Newcastle-Trilogie zu einem der aufregenderen Werke der neueren britischen Krimiproduktion.”

8 von 10 Punkten

Howard Linskey: “Killer Instinct”, übersetzt von Karl-Heinz Ebnet, 384 Seiten, Knaur.

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18 Comments

Filed under Rezensionen

18 responses to “Howard Linskey: Killer Instinct

  1. Die Trilogie von Linskey steht jetzt bei mir auch komplett im Regal. Allerdings immer noch ungelesen, da derzeit schlicht die Zeit fehlt. Was die Titel-Problematik angeht, gebe ich Dir recht. Entweder gleich richtig übersetzen oder im Zweifelsfall bzw. passenden Fall den originalen Namen behalten. Siehe momentan u.a. bei “Cutter and Bone” oder “Prime Cut”.

    • Genau, das fände ich auch eine bessere Lösung.

      • Anderseits bin ich aber demütig und froh, und freue mich, wenn manche Bücher überhaupt übersetzt werden. So zum Beispiel zuletzt geschehen, bei “Sturm über New Orleans” (engl. der weit besser klingende Titel “Tin Roof Blowdown”) von James Lee Burke. Natürlich kann das wiederum manche Leser abschrecken. Robothams “Adrenalin” und Amnesie” hätte ich auch fast nicht gelesen (die schrecklichen Cover kamen noch dazu) – gut, dass ich dann doch dem Tipp meines damaligen Krimi-Couch-Kollegen gefolgt bin. 😉

      • Ja, jetzt machst du mich weiter neugierig auf Robotham – ich glaube, an der Lektüre seines Buches führt kein Weg vorbei 😉

  2. @ crimenoir
    Kann ich Dir nur ans Herz legen. Bin kein klassischer “Psychothriller”-Fan. Außer Harris und die frühen Rhyme/Sachs-Bände konnte ich mir für diese Stilrichtung nicht wirklich erwärmen. Und mit Fitzek, McFadyen, Carter und Konsorten kannst du mich jagen. Robotham hat aber einen gewissen Anspruch. Weniger Folter und Blut, mehr Suspense und psychologisches Spiel mit dem Leser. Und die drei Bände, die ich gelesen habe (die ersten drei) waren durchaus auch noch mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Im Gegensatz zu den ganzen “Augenschneidern”, “Totschläger” und “Knochenbrechern”. 😉 Aber gut, da legt jeder auf andere Dinge wert.

    • Darf ich da kurz nachhaken, crimealley? Ordnest Du die Rhyme & Sachs-Fälle dem Psychothriller zu?

      • Naja – im weiten Rahmen schon. Insbesondere bei “Knochenjäger” und “Insektensammler”. Wobei vor allem die späteren Bände sich ja eher auf das Element der Spurensicherung konzentrieren. (Deaver sagt ja selbst, dass er der Vorläufer von Serien wie CSI war) Da nehmen die Indizienlisten manchmal fast vier, fünf Seiten ein. – Insgesamt ist die Einteilung also schwierig, aber “nur” Thriller ist dann auch etwas schwammig.

      • Hm, ok, das ist interessant. Die Rhyme & Sachs-Reihe besticht für mich in erster Linie durch die Tatortarbeit und die Überlegungen, die Rhyme trifft und die Schlüsse, die er zieht, Psychothriller lege ich ganz anders aus, daher würde ich die Reihe absolut gar nicht in dieser Ecke sehen. “Nur Thriller” ist aber tatsächlich für die meisten Bücher viel zu schwammig. Wobei ich Deaver im weitesten Sinne schon als klassischen US-amerikanischen Thriller-Autor sehe, auch wenn er deutlich vielfältiger und teilweise auch raffinierter schreibt und konstruiert als andere.

  3. @ Wortgestalt
    Stimmt, Rhymes Überlegungen spielen (zumindest anfangs) schon eine größere Rolle. In Punkto Deduktion ist er da eindeutig als moderner Sherlock Holmes angelegt. Mit Amelia Sachs als Sidekick. Wie gesagt: In den ersten Bänden der Reihe funktioniert das auch hervorragend. Spätestens ab dem “gehetzten Uhrmacher” kommt das meines Erachtens aber dermaßen konstruiert daher, dass sich der Deaver-typische Aha-Effekt (eine Wendung mit noch einer Wendung, welcher noch eine folgt) selbst aushebelt, da man als Leser die “Überraschung” schon erwartet. Von raffiniert konstruiert bleibt dann nur noch konstruiert. Stattdessen wird dann der Antagonist (dem Rhyme aber ohne Ausnahme immer zwei Schritte voraus bleibt) “aufgemotzt” und möglichst sonderbar gestaltet. Aber wie gesagt: Definiere Thriller – betrachtet man die Dance-Reihe, ist Psychothriller durchaus angemessen. Für die Rhyme/Sachs-Bücher will mir da jetzt kein treffender Begriff einfallen.

    • Ja, an Holmes musste ich gerade zu Beginn der Reihe auch oft denken! 😉 Die vielen Wendungen gehören zum Standard, das stimmt, man erwartet sie zwar, durchschauen konnte ich sie aber meist nicht. Außer jetzt zuletzt beim neuesten Band, der ist m. E. nach der schwächste der Reihe, davor hat er aber mit “Todeszimmer” zum Beispiel durchaus auch mal neue Facetten gezeigt. Die Bände ab dem Uhrmacher, ja, naja, der Uhrmacher ist ja quasi zu Rhymes Moriarty geworden, um beim Holmes-Bild zu bleiben, da wird natürlich hoch geschaukelt, das wird auf ein Duell der Meisterköpfe hinauslaufen, klar, dass es da auch mal über die Stränge schlagen kann. Die Dance-Reihe, hm, ja, auch das sind für mich keine klassischen PSychothriller, aber ich stimme Dir insoweit zu, dass sie die Bezeichnung eher streifen als die Rhyme-Bände. Wobei der Insektensammler schon Anleihen davon hat, das ist wahr. 🙂

      • Stimmt, zu durchschauen waren die Twists am Ende zumeist nicht. Jedenfalls nicht im Detail. Was man allerdings immer wusste: Die Planungen des Gegenspielers, denen man als Leser ja meist über die Schulter gucken kann, werden (so lehrt nach einigen Bänden die Erfahrung) ohnehin jedes Mal vorhergesehen. Heißt: Die “Gefahr” für Rhyme und Sachs oder ihre Freunde ist von vorneherein eigentlich keine.

        Mir war es dann irgendwann zu viel. Liegt aber auch vielleicht daran, dass ich mir diese Thriller mit “Superhirn-Bösewichten” und soziopathischen Serienkillern einfach übergelesen habe. 😉 (Meine Rezensionen zu der Deaver/Rhyme-Reihe werd ich dann irgendwann in Zukunft auch mal auf meinem Blog veröffentlichen)

        Wie würdest du den klassischen Psychothriller definieren? Denkst du an Highsmith oder wo würdest du die Linie ziehen?

      • Das ist wirklich schwierig, aber ja, ich denke, Highsmith trifft es als Ausgangspunkt ganz gut! Ich definiere Psychothriller aber in der Regel als weniger blutig, dafür mehr in den Figuren ruhend, sein Spielchen mit dem Opfer treiben, dieses perfide muss drin sein, subtil. Also wo ein Thriller eher auf Tempo und Druck setzt, geht nach meinem Empfinden ein Psychothriller eher eine Schicht tiefer. Es fallen mir spontan auch nicht viele gute Psychothriller ein, die meisten der Pop-Thriller, die diesen Stempel auf ihrem Cover stehen haben, würde ich nicht dazu zählen, oder anders, ich stelle mir unter einem Psychothriller schon mehr vor. Vielleicht ist die Unterscheidung aber auch müßig, vielleicht greift Psycho immer irgendwie in den Thriller, also ja klar, natürlich macht es das, aber so rein vom Bauchgefühl wäre Deaver für mich kein Psychothriller-Autor.

        Ich habe mir nach gut 14 Jahren übrigens erst im letzten Monat noch einmal den allerersten Rhyme & Sachs-Band zu Gemüte geführt, nach so vielen Jahren und Bänden noch einmal in die Anfänge einzutauchen, war nett. Und ich hatte auch die Rune-Reihe wieder in den Händen und war drauf und dran, auch die Bücher nach Jahren noch einmal zu lesen. Ich glaube, die drei Bände würden sich auch heute wieder gut verkaufen, vielleicht gibt es ja irgendwann eine Neuauflage, ich denke, es passt gerade in die Zeit, in der man Altes wiederentdeckt und aufleben lässt.

  4. @ WortGestalt
    Stimmt, es sind wirklich diese Ingredienzen, welche ich persönlich in einem richtigen Psychothriller erwarte. Insbesondere subtil ist das Stichwort – vielleicht ein Grund, warum mir die Plakatierung mancher Schlitzer-Schlachter-Thriller mit eben dieser Genrebezeichnung so sauer aufstößt. Insofern müsste ich mich Deinem Urteil anschließen, dass Deaver eigentlich ebenfalls nicht wirklich dort rein passt. Aber im Vergleich mit den üblichen Verdächtigen, die unter “Thriller” die deutschen Buchhandlungen sicher machen, vielleicht noch mit am ehesten. Oder eben halt Robotham, den ich handwerklich noch höher einschätze, mit seinen Covern jedoch eigentlich ein ganz anderes Lesepublikum anspricht. Solange es dazu führt, dass man ihn wieder übersetzt, soll es mir aber recht sein. (Es gibt sicher weitere Beispiele, die mir aber abrupt nicht einfallen bzw. nicht mehr aktuell sind)

    Was die Nancy-Drew-Rune-Serie angeht: Kannst du mich mit jagen. 🙂 Hab nach “Manhattan Beat” das Kapitel geschlossen und arg gezweifelt, ob das wirklich Deaver verbrochen hat. Wenngleich ich gestehen muss: Habe doch während der Lektüre viel gelacht. Ob das die Absicht des Autors war, sei dahingestellt. 😉

    • @Rune: *lach* Ja, Deavers erste Werke…Ich habe auch viel gelacht, aber mit, nicht über den Inhalt! 😉 Aus heutiger Sicht betrachtet, ist die Rune-Reihe schon fast ein klitzekleines bisschen trashig, aber irgendwie so cool, dass ich glaube, das läuft heute gut. Aber vielleicht liegt es auch am verklärenden Schleier, den man über altgeliebtes liegt, hab die Reihe vor rund 10 Jahren gelesen, das kann auch ein Grund für meine Begeisterung sein! 😀

      @Robotham: Da habe ich bisher nur ein Buch gelesen, aber das hat mir sehr gefallen, da werde ich auch dran bleiben! Was Du zu Covern schreibst, ja, das stimmt, empfinde ich auch so, es läuft manches unter einem Stempel, den sie eigentlich nicht verdienen, oder den man eigentlich anders interpretiert sehen möchte. Auch das mit den Schlichtzer-Schlachter-Titeln, ja, ich habe da zwar auch noch einige hier stehen, die ich noch austesten werde, aber im Laufe des letztens Jahres bin ich da vielem überdrüßig geworden.

      Und danke für diesen interessanten Austausch! 🙂

  5. Ich finde es fein, dass ihr hier so angeregt über Psycho-Thriller diskutiert! Ich habe momentan nur so wenig Zeit für meinen Blog, sodass ich mich bislang auch nicht eingeklinkt habe.

    Nur kurz: Das Etikett “Psycho-Thriller” ist für mich in der Regel ein ganz klares Nicht-Kauf-Argument. Ein fast schon sicherer Ausschlussgrund. Und ja, mit den Covern ist das ähnlich. Das Robotham-Cover und die ganze Aufmachung seiner weiteren Bücher war bislang ein Hauptgrund, die Finger von ihm zu lassen.

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