Merle Kröger: Havarie

(c) Ariadne Kriminalroman

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Merle Kröger führt mit “Havarie” erneut die aktuelle KrimiZeit-Bestenliste an. Völlig zurecht, wie ich nach der Lektüre sagen muss. Kröger hat zweifellos einen der wichtigsten Krimis des Jahres geschrieben, auch wenn sicher viele darüber diskutieren werden, ob es sich dabei überhaupt um einen Kriminalroman handelt. Ich sehe das recht pragmatisch: Am Cover steht es drauf, also gilt es 😉

Denn Kröger befasst sich mit dem Flüchtlingsdrama vor Europas Küsten, die zu einem Burggraben der Festung Europas geworden sind. Kröger erzählt schonungslos, aber niemals anklagend über die tagtäglichen Dramen im Mittelmeer. Sie gibt den Menschen auf den dünnen Schlauchbooten Namen sowie Vergangenheit und macht damit ihre Geschichten begreifbar. Kröger beschränkt sich aber nicht auf die Menschen im Schlauchboot, sondern erzählt auch von Menschen auf einem Frachter, einem Rettungsschiff sowie einem Kreuzfahrtschiff – aus insgesamt elf Perspektiven. Es ist ein mosaikhafter und fesselnder Roman, der nicht kaltlässt.

Drei starten, eins kommt durch. Die Pech haben, ersaufen vor den Augen der Küstenwache. Algerisches Roulette.

Kröger zwingt uns, hinzusehen. Sie führt uns etwa ganz tief hinunter auf die untersten Decks des monströsen Kreuzfahrtschiffs “Spirit of Europe”: “Nichts vom Glanz und Gloria des oberen Decks. Hier wird geschuftet und geschwitzt, Nachschub gewuchtet, Müll verschoben, Wäsche in Säcken hinter sich her gezerrt.”

Für den normalen Passagier bleibt dieser Teil des Schiffs, auf dem mehr als tausend menschliche Arbeitsbienen ihren Job verrichten, unsichtbar: “Die globale Arbeiterklasse rennt wie gejagt auf den letzten Drücker zum Einsatz. Keiner, nicht mal dein bester Freund, lächelt dir zu. Die Gesichtsmuskulatur hat frei. Dieses ganze verlogene Display von Freundlichkeit, die Angst vor den Kameras im Nacken, ist hier nicht drin. Hier sieht man Stress, Anspannung, Ringe unter den Augen.” Zynisch wird diese Nervenbahn des Luxusschiffs “Broadway” genannt.

Thekla Dannenberg hat das übrigens bei “Der Freitag” gut zusammengefasst: “Havarie ist der Roman der Stunde. Jeder, der an Europa und dem Mittelmeer hängt, sollte ihn lesen. Merle Kröger erzählt darin kein Flüchtlingsdrama. Oder zumindest nicht nur. Sie erzählt in rasant wechselnden Perspektiven von Aufbruch und Schiffbruch, von der Faszination des Meeres und von einer Seefahrt, die aus Gründen der Kosteneffizienz alle Werte über Bord geworfen hat.”

9 von 10 Punkten

Merle Kröger: Havarie, 256 Seiten, ariadne kriminalroman.

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