Adrian McKinty: Die verlorenen Schwestern

(c) suhrkamp nova

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Adrian McKinty ist immer wieder für Überraschungen gut. War “Sirenen von Belfast”, der zweite Teil seiner Sean-Duffy-Serie, auch so etwas wie eine pophistorische Abhandlung, hat er nun bei Teil drei, “Die verlorenen Schwestern”, beschlossen, dass das Popjahr 1983 am besten zu verschweigen ist (was er dann auch konsequent durchzieht):

“Nur Synthesizer, Drum Machine und hohe Stimmen. Aber so waren die Zeichen der Zeit, und nun, da der Herbst angebrochen war, konnte man mit ziemlicher Bestimmtheit festhalten, dass 1983 wohl das schlimmste Jahr in der Geschichte der Popmusik der letzten zwei Jahrzehnte werden würde.”

Einspruch, lieber Adrian McKinty: 1983 erschien “Construction Time Again” von Depeche Mode! Mit an Bord auf diesem Album: Der Song “Pipeline”, der das Industrie-Zeitalter perfekt hörbar macht. Die Bandmitglieder gingen für diesen Song auf stillgelegte Rangierbahnhöfe und sammelten Rohre sowie Schrott zusammen, um den unverkennbaren Metall-Sound herzustellen. “Wir sampelten den Klang der Welt”, sagte Musikproduzent Gareth Jones über den Song. Mute-Records-Gründer Daniel Miller sagte: “Wir hämmerten, donnerten, kratzten, zerrten und bliesen auf und in alles, um interessante Geräusche zu machen”. Gegen Ende des Lieds kann man sogar Züge fahren hören. Der eigentliche Hauptdarsteller ist aber wohl der springende Tischtennisball, der im Hintergrund zu hören ist…

Sorry übrigens für diesen sehr persönlichen Exkurs, ich konnte nicht anders 😉

Also zurück: Stattdessen greift McKinty auf ein klassisches Stilelement des Kriminalromans zurück: Das Rätsel des verschlossenen Raums (in der Tradition von Edgar Allan Poe – “Der Doppelmord in der Rue Morgue”). Denn eine Frau ist in einem geschlossenen Lokal ums Leben gekommen. Eigentlich kann es nur ein Unfall gewesen sein – oder doch nicht? Duffy muss dieses Rätsel lösen, ehe sich seine Informantin bereit erklärt, den Aufenthalt eines flüchtigen IRA-Terroristen zu verraten.

Erneut spielt der Roman in der “heißen” Phase des Nordirland-Konflikts Anfang der 1980er Jahre. Und manche Dinge ändern sich nie in Duffys Leben. Immer noch muss er vor jeder Fahrt unter das Auto sehen, um sicher zu gehen, dass nicht jemand eine Bombe darunter angebracht hat. Als katholischer Bulle in Nordirland ist er schließlich ein begehrtes Ziel. Sehr fein verarbeitet McKinty aber auch die realen Ereignisse rund um den Anschlag von Brighton im Oktober 1984 auf Premierministerin Margaret Thatcher.

Ein wenig sauer stößt mir hingegen der Wechsel von Hardcover- auf Paperback-Format auf. Das macht man einfach nicht innerhalb einer Serie, finde ich. Wie schaut denn das im Regal aus? Ich weiß, angesichts der E-Books wirkt diese Einstellung ziemlich antiquiert, aber so sehe ich es halt. Die Kritik wird dem Verlag ohnehin ziemlich egal sein. Ach ja, und warum wurde der irische Grünton der ersten beide Cover (hier und hier) gegen ein Grau gewechselt? Was will man uns damit sagen?

Das ändert aber nichts am Gesamteindruck. Denn noch immer zählt das gedruckte Wort am meisten:

8 von 10 Punkten

Adrian McKinty: “Die verlorenen Schwestern”, übersetzt von Peter Torberg, 378 Seiten, suhrkamp nova.

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3 Comments

Filed under Rezensionen

3 responses to “Adrian McKinty: Die verlorenen Schwestern

  1. Ich warte weiterhin auf die Taschenbuchausgabe, die wir angesichts des VÖ-Termins für “Gun Street Girl” ja vielleicht gegen Weihnachten bekommen.

  2. Ich fand es wieder super. Es ist immer eine Freude McKinty zu lesen und das Rätsel um den Mörder im verschlossenen Raum fand ich sehr kreativ. Teil 4 kann also kommen 🙂

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