Greg Iles: Natchez Burning

(c) Rütten & Loening

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“Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen”, zitiert US-Thrillerautor Greg Iles den großen William Faulkner. Das reicht wohl aus, um Greg Iles zum “neuen Faulkner für die Breaking-Bad-Generation” zu machen, wie auf dem Rückentext des 1000-Seiten-Krimiwälzers “Natchez Burning” zu lesen ist. Doch mit solchen hochtrabenden Vergleichen tut man dem Buch nichts Gutes. Denn Iles’ Rassismus-Drama funktioniert zwar perfekt nach dem in den USA weit verbreiteten Motto “educate and entertain”. Es ist eine spannende Geschichtsstunde (genau genommen sind es viele Geschichtsstunden!), in der Iles niemals anklagend wird und ein rassistisches Amerika in den 1960er Jahren porträtiert, das gerade aufgrund der aktuellen Bezüge zur Situation in den USA nichts an Dringlichkeit verloren hat. Doch der große Wurf ist das Buch leider nicht.

Die Handlung von “Natchez Burning” setzt in den von alltäglichem Rassismus geprägten 1960er-Jahren ein, spielt die größte Zeit aber im Jahr 2005. Im Zentrum der Geschichte steht Penn Cage, der Bürgermeister von Natchez, dessen Vater im Verdacht steht, eine schwarze Krankenschwester getötet zu haben. Schon bald wird Penn klar, dass er seinem Vater nur dann helfen kann, wenn er beginnt, in der Vergangenheit zu wühlen, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Denn ein geheimer Ku-Klux-Klan-Ableger – die sogenannten Doppeladler – hat nichts an Bedrohlichkeit verloren.

Iles ist sein äußerst ambitioniertes Werk hoch anzurechnen. Denn “Natchez Burning” ist nur der Auftakt zu einer Trilogie (der nicht minder dicke Teil zwei, “The Bone Tree”, ist soeben in den USA erschienen). Dennoch verwundert es, dass ausgerechnet bei einem episch ausgebreiteten Thriller wie diesem eine eigene starke schwarze Stimme fehlt – zumal Iles auf vielen Perspektiven erzählt. Iles kann seinen US-Kollegen James Ellroy (L.A.-Quartett, Underworld-Trilogie) und Don Winslow (“Tage der Toten”), denen er offenbar nacheifert, leider auch erzählerisch und sprachlich nicht das Wasser reichen. Er erzählt sehr konventionell, ihm fehlen die sprachliche Extravaganz eines Ellroy und die Raffinesse eines Winslow.

Neben all den gewaltsamen durch Rassisten verursachte Tode spielen aber überraschenderweise auch Krankheit und natürliche Tode eine nicht unwichtige Rolle in “Natchez Burning”. Ich habe mich zeitweise gewundert, weil so viele Nebenpersonen erkrankt oder verstorben sind. Das hängt aber vielleicht mit Iles’ eigenem Schicksal zusammen. Er schwebte nach einem Autounfall vor vier Jahren – bei dem sein Vater ums Leben kam – selbst einige Zeit in Lebensgefahr. Iles musste das rechte Bein unterhalb des Knies amputiert werden, seine Rehabilitation dauerte viele Monate.

Dennoch ist es keine verlorene Zeit, diese 1000 Seiten zu lesen. Iles, der übrigens selbst in Natchez, Mississippi, lebt,  schreibt sehr kurzweilig. Langeweile kommt nicht auf. Es ist halt ein klassischer Thriller mit einem ebensolchen Ende. Ich habe mein generelles Problem mit Thrillern, die ich ja früher verschlungen habe, hier schon öfter geschildert: Man ist gefesselt, bleibt aber mit einem etwas leeren Gefühl zurück.

Für Iles ist es also ein sehr persönliches und persönlich wichtiges Buch, wie wohl die ganze Trilogie. Leider bleiben mir die Charaktere zu blaß, ich konnte nie so richtig mitleiden und blieb stets distanzierter Beobachter. Daher kann ich nur

6 von 10 Punkten

vergeben, obwohl ich gern mehr vergeben hätte.

Greg Iles: “Natchez Burning”, übersetzt von Ulrike Seeberger, 1008 Seiten, Rütten & Loening.

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7 Comments

Filed under Rezensionen

7 responses to “Greg Iles: Natchez Burning

  1. My Crime Time

    Mag ja sein, dass die Lektüre keine verlorene Zeit gewesen ist, aber ich kann es mir einfach nicht verkneifen, mit einem Lächeln zu sagen: “Hätteste mal ‘Perfidia’ gelesen!”. 😉

    • Du verstehst es in offenen Wunden zu bohren 😉

      • My Crime Time

        Logisch! Ich bin schließlich eine Frau! 😉

      • Hahaha 🙂
        Mit “Das Kartell” wartet aber eh schon der nächste Wälzer! Unbelehrbar…

      • My Crime Time

        Nein, nicht unbelehrbar, sondern einfach nur ein sehr leidenschaftlicher Leser! Es hätte mich allerdings auch sehr gewundert, wenn ausgerechnet du dich nicht durch den neuen Winslow fräsen würdest. Mich hat das Winslow-Fieber ja nie so richtig packen können. Also warte ich erst einmal ab, was du oder auch der Schneemann über das Buch so schreiben, bevor ich mich entscheide, ob auch ich die Lesefräse anschmeiße.

  2. Deiner Rezension kann ich voll und ganz zustimmen. Ein solides, konventionelles Werk, dass aber die Chancen des Themas nicht ausschöpft.

  3. Jetzt bin ich mir endgültig sicher, dass ich den erst mal links liegen lassen kann. Ich stecke sowieso noch in “Sturm über New Orleans” und werde mich danach auch ans Kartell machen.

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