Über Sinn und Unsinn von Krimi-Anthologien

(c) Atria

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“Erlesene Krimis” heißt das von Eva Rossmann und Rotraut Schöberl in Österreich herausgegebene Gratis-Büchlein anlässlich des Welttag des Buches. Darin versammeln sich über 20 Ausschnitte aus Krimis namhafter Autoren, in denen Bücher, Buchhändler oder Bibliotheken eine große Rolle spielen. An sich ist das eine feine Idee, allerdings kann ich mit dieser Krimi-Anthologie aus mehreren Gründen nicht viel anfangen.

Erstens killt schon die Grundidee das Grundprinzip jedes guten Krimis: Spannung zu erzeugen. Die ausgewählten Passagen sind nicht die spannendsten, gewitztesten, ausgeklügeltsten oder einfach besten der jeweiligen Bücher, sondern bloß solche, die auf andere Bücher verweisen.

Zweitens hat die Auswahl für mich dadurch einen unguten Beigeschmack: Der zwanghafte Bezug auf Bücher und das Lesen lässt den Eindruck entstehen, dass es dem Krimi-Genre an höherer literarischer Qualität mangeln könnte. Wer heute noch mit Krimis nur Jerry-Cotton oder simple Whodunnits verbindet, dem ist aber ohnehin nicht zu helfen. Gute Krimis haben es nicht nötig, durch einen Literaturbezug veredelt zu werden.

Drittens geben Rossmann und Schöberl im einleitenden Interview zu, nur Textpassagen aus Werken ihrer Lieblingsautoren ausgewählt zu haben. Das finde ich schade, denn hier hätten die beiden die Chance nutzen können, noch weitere Krimikenner- und liebhaber einzubinden, um noch passendere Texte zu finden.

Viertens verhelfen die beiden also Autoren zwar zu Aufmerksamkeit, die diese zweifellos verdient haben. Meiner Meinung nach tun sie den Autoren damit aber nur begrenzt einen Gefallen. Denn beim Lesen einiger Texte entstand bei mir Langeweile – auch weil der Bezug zu Büchern, Buchhändlern oder Bibliotheken manchmal ziemlich erzwungen wirkt. Was hier also gut gemeint ist – nämlich guten Krimis zu Aufmerksamkeit zu verhelfen – läuft meiner Meinung nach Gefahr, das Gegenteil zu bewirken. Gute Krimis lassen sich eben nicht immer anhand von zwei, drei Seiten beurteilen – vor allem, wenn diese Seiten nicht zu den wichtigsten oder aussagekräftigsten zählen.

Sollte – hier gelange ich zu Punkt fünf – die Idee gewesen sein, Nicht-Krimi-Leser für das Genre neugierig zu machen, so funktioniert das aus den Gründen zwei und vier nicht. Diese Krimi-Anthologie vermittelt schlicht und einfach nicht, warum man Crime Fiction liest – leider.

Mein Fazit: Ich gebe zu, ich habe wohl zu viel erwartet. Denn als nettes Gratis-Büchlein zum Welttag des Buches, das Bücher feiert, ist “Erlesene Krimis” wohl perfekt. Nun liebe auch ich Bücher, aber wegen ihres Inhalts. Mit der Beweihräucherung des Buches einmal pro Jahr kann ich wenig anfangen – denn ich feiere ohnehin jeden Tag mit einem (meist auch guten) Buch!

Wer mir aufmerksam bis hierher gefolgt ist, wird sich erinnern, dass der Titel dieses Beitrags “Über Sinn und Unsinn von Krimi-Anthologien” lautet. Daher komme ich zum Abschluss zu einer Krimi-Anthologie, die wirklich Sinn macht. Wer Krimis liebt, sollte dringend die geniale Krimi-Anthologie “Books to die for”, herausgegeben von John Connolly und Declan Burke, konsultieren. Darin empfehlen die besten Krimiautoren der Gegenwart ihren jeweiligen Lieblingskrimi – also Bücher, für die es sich zu sterben lohnt!

Und ich wüsste auch ein Buch, das man bei “Erlesene Krimis” berücksichtigen hätte können: “Tower” von Ken Bruen und Reed Farrel Coleman. Hier nehmen die Autoren explizit Bezug auf Kriminalliteratur. “Ich kann mit Romanen nicht so viel anfangen”, sagt eine der beiden Hauptfiguren zu einer Buchhändlerin. Diese ruft daraufhin zu jemanden, der zwischen den Stapel lauert: “Das große Umlegen, Der Malteser Falke, Rote Ernte, Der lange Abschied, Lebewohl, mein Liebling, Die kleine Schwester.” Krimikenner wissen, was für Bücher hier gemeint sind. Kurz darauf verlässt die Hauptfigur das Geschäft mit sechs Taschenbüchern – genial oder?

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3 Comments

Filed under Krim(i)skrams

3 responses to “Über Sinn und Unsinn von Krimi-Anthologien

  1. “Gute Krimis haben es nicht nötig, durch einen Literaturbezug veredelt zu werden.” !!!
    Zumal es ja auch subtil geht, über Namen, Sätze, Gegenstände. Ich will davon nicht angesprungen werden. Gerade habe ich, nach immerhin 150 Seiten, “Am Abgrund aller Dinge” in die Ecke gepfeffert, weil dort genau das passiert. Der Protagonist masturbiert eigentlich die ganze Zeit auf den eigenen Intellekt, ansonsten passiert nicht viel.

  2. Ich habe generell ein Problem mit Anthologien. Es finden sich immer ein paar interessante Beiträge, aber vieles scheint mir nur als Lückenfüller zu dienen. Da wäre weniger manchmal besser.

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