Richard Stark: The Hunter

(c) Zsolnay

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Parker ist eine der skrupellosesten Figuren der Kriminalliteratur. 1962 hat ihn Donald Westlake, der auch als Richard Stark schrieb, erschaffen. “The Hunter” war der erste von mehr als 20 Krimis rund um Parker. 1967 wurde “The Hunter” mit Lee Marvin in der Hauptrolle verfilmt, 1999 mit Mel Gibson (wenn auch die Filmfiguren nicht Parker hießen). Zuletzt mimte 2013 Jason Statham Parker im gleichnamigen Film, der allerdings auf Starks Krimi “Irgendwann gibt jeder auf” basiert.

Bei der Lektüre musste ich immer wieder an Garry Dishers Figur Wyatt, der ebenfalls der Vorname fehlt, denken. Wyatt könnte Parkers kleiner australischer Bruder sein. Parker und Wyatt sind Profi-Verbrecher in einer Welt voller Amateure und Stümper. Im letzten Wyatt-Krimi “Dirty Old Town” nimmt Disher sogar ganz offen Bezug darauf: Da spielt eine Lydia Stark eine wichtige Rolle, einmal nimmt Wyatt die Identität eines Mannes mit dem Namen Parker an und dann gibt es da den Westlake-Gebäudekomplex.

(c) dtv

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Das Faszinierendste an Parker ist: Er ist ein skrupelloser Verbrecher, kein klischeebeladener Gentleman-Ganove. Er ist brutal und tötet, wann immer nötig. In “The Hunter” geht er ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen. Auch über die einer unschuldigen Frau, die Opfer seiner Gewalt wird. Parker will ihren Tod zwar nicht (“Ihr Tod war vollkommen unnötig”) und ist wütend darüber, dass er sie versehentlich getötet hat. Gewissensbisse hat er deswegen aber keine.

In den folgenden Büchern der Serie ist er da schon zurückhaltender. Kann man mit Parker sympathisieren? Nein. Aber das ist gar nicht nötig. Wer sonst sollte sich einem Verbrechersyndikat so kaltblütig und gleichzeitig überlegt gegenüberstellen wie Parker? “Helden von diesem Kaliber werden heute gar nicht mehr hergestellt”, schreibt dazu Hans-Jörg Wangner in der Krimi-Kolumne Killer & Co..

Schon der erste Satz in “The Hunter” ist legendär:

“Als ein junger Kerl mit gesunder Gesichtsfarbe in einem Chevy ihm eine Mitfahrgelegenheit anbot, sagte Parker ihm, er solle sich verpissen. (When a fresh-faced guy in a Chevy offered him a lift, Parker told him to go to hell.)”

Eine bemerkenswerte Szene ist auch folgende: “Sein Körper war hart, langgliedrig und von Narben bedeckt. Nach dem Bad setzte er sich nackt auf das Bett, trank langsam den Wodka direkt aus der Flasche und grinste die gegenüberliegende Wand an. Als die Flasche leer war, warf er sie in den Papierkorb und schlief ein.”

Sie gewährt laut Philipp L’Heritier (fm4)“eine einzige Sekunde lang Einsicht in das Innenleben Parkers, meist bleibt er einzig Oberfläche, Klotz, dem auch nicht der Weg der Rache Genugtuung zu bereiten scheint.”

(c) IDW

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Es ist also die Geschichte eines Rachefeldzugs, den Parker aber so abgestumpft und gleichgültig abspult, dass einem der Atem stockt. Denn Parker wurde reingelegt, von seinem Komplizen und seiner Ex-Frau. Das ist für mich vielleicht auch die größte Schwachstelle des Buchs. Das fand ich nicht ganz glaubwürdig, wie Lynn (ja, sie war bedroht – aber trotzdem) da einfach die Seiten wechselt.

Viel besser fand ich hingegen, dass sich am Ende zeigt, dass auch Parker nur ein Verbrecher ist, dem Fehler unterlaufen – so viel also zum coolen Profi.

Wer Parker und “The Hunter” mag, sollte sich unbedingt auch die feine Graphic Novel von Darwyn Cooke zulegen, die es übrigens auch auf Deutsch gibt. Ich habe sie mir aber im Original gegönnt.

Ach ja, ein völlig nutzloses, aber interessantes Detail noch: Die ersten acht und letzten acht Parker-Krimis beginnen alle mit When….

8 von 10 Punkten

Richard Stark: “The Hunter”, übersetzt von Nikolaus Stingl, 191 Seiten, Zsolnay Verlag.

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2 Comments

Filed under Altmeister, Rezensionen

2 responses to “Richard Stark: The Hunter

  1. When…ich mit meinem aktuellen Lesestoff durch bin, muss doch mal so ein Richard Stark her…

  2. Gunnar

    Das klingt wirklich gut. Kenne Parker lediglich aus “Fragen Sie den Papagei” und da war er echt nicht schlecht.

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