Norbert Horst: Mädchenware

(c) Goldmann

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Dass ich Norbert Horsts “Mädchenware” gelesen habe, verdankt sich eigentlich nur einem Zufall. Ich hatte Richard Starks “The Hunter” in der Arbeit vergessen und war buchlos – das geht gar nicht, wie viele von euch wissen! Also ab ins Buchgeschäft und an die KrimiZeit gedacht, das Buch geschnappt und losgelesen. Meine Erwartungshaltung war gering, doch ich wurde positiv überrascht. Und ich habe gelernt: Auch wirkliche Hauptkommissare, denn Norbert Horst ist so einer, können Krimis schreiben.

Seine Stärke liegt auf der Hand: Authentizität. Würde er das nicht können, wäre das auch irgendwie seltsam. Horst Eckert (“Schwarzer Schwan”, “Schwarzlicht”) war der erste, der mich davon überzeugt hat, dass Polizeiromane nicht eine rein amerikanische Sache sind. Und Norbert Horst hat mich darin bestätigt, dass es sich auszahlen kann, deutschsprachige Polizeiromane zu lesen. Kurz hatte mich der Spruch “Der bisher persönlichste Fall für Kommissar Steiger” abgeschreckt: Für mich sind solche Lockrufe ja eher Warnzeichen. Oh Gott, nicht schon wieder eine entführte Ehefrau oder getötete Geliebte… Doch Horst zeigt einen persönlich betroffenen Kommissar, ohne erbarmungslos dick aufzutragen. Der persönliche Zug passt zur Geschichte, ist ein Detail, aber nicht mehr. Das ist angenehm.

(c) Das Erste

(c) Das Erste

Ein wenig hat mich die Lektüre an Dominik Grafs geniale TV-Serie “Im Angesicht des Verbrechens” erinnert. Hier wie da wird die Geschichte auch aus der Sicht von Prostituierten aus dem Osten erzählt. “Mädchenware” spielt in der Dortmunder Rotlichtszene, in der es zu Revierstreitigkeiten kommt, bei denen eine Prostituierte getötet wird. Kommissar Steiger, ein stiller und besonnener Mann – einer der sich über all die Jahre treu geblieben ist – muss ermitteln. Horst stellt die Polizeiarbeit nüchtern dar – ohne sie zu heroisieren. Er kommt ohne verrückte Serienkiller und voyeuristische Gewaltdarstellungen aus, sensationelle CSI-Wendungen erspart er dem Leser ebenfalls. Horst erzählt dabei keine wahnsinnig originelle Geschichte und erfindet das Krimi-Rad nicht neu. Aber das ist gut so, denn “Mädchenware” will einfach ein gut unterhaltender Krimi sein – nicht mehr aber auch nicht weniger. Mich persönlich hat der Erzählstrang um die drei Freundinnen aus dem Osten, von denen zwei in die Prostitution abrutschen, am meisten beeindruckt. Er schildert das Schicksal der Mädchen unaufgeregt und ohne Effektheischerei.

Elmar Krekeler formuliert das in seiner Krimi-Kolumne “Krekeler killt” wunderbar: “Eingesponnen in die erholsam realistische, sprachlich nirgends aktenordnertrockene Ermittlungserzählung, folgt Horst einem Trio russischer Mädchen durch ihre an Prügeln reiche Jugend ins sich dramatisch verändernde Dortmunder Rotlichtviertel. (…) Horst spekuliert nicht, macht kein Rührstück aus dem Schicksal der Mädchenware, die da im wahrsten Wortsinn in den Westen verschlagen wird.”

7 von 10 Punkten

Norbert Horst: “Mädchenware”, Goldmann Verlag, 351 Seiten.

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