Zurück zu meinen Suspense-Wurzeln (I): Stephen Hunter

(c) Festa

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Alf Mayers Beiträge im crimemag sind meist absolute Highlights. Der vielwissende Mayer schreibt über Spannungsliteratur in einer Art und Weise, die mir das Wasser im Mund zusammenrinnen lässt. Er widmet sich da schon mal Phänomenen wie der Kulturgeschichte des Scharfschützen (begonnen hatte er mit einer dreiteiligen Serie über den politisch unkorrekten Thrillerautor Stephen Hunter – Teil 1, Teil 2, Teil 3 – aus der dann acht Teile wurden) oder der Militarisierung der amerikanischen Polizei (hier). Wo kann man so etwas sonst noch lesen? Er ordnet ein und erklärt Zusammenhänge. Kriminalliteratur ist bei Mayer kein singuläres Phänomen, das man wie üblich von Neuerscheinung zu Neuerscheinung beschreibt, sondern eine kleine Wissenschaft mit eigener Geschichte.

Und Mayer führt mich, wie ich zunehmend verwundert feststellen muss, immer wieder zu meinen eigenen Suspense-Fiction-Wurzeln zurück. Mit Stephen Hunter begann ich vor vielen Jahren Thriller auch regelmäßig im Original zu lesen. Ohne Hunter hätte ich also wohl auch Don Winslows “Power of the Dog” nie im Original gelesen – und das wäre im Bereich der Spannungsliteratur fast so wie nach Amerika zu reisen und New York nicht gesehen zu haben. Hierzulande ist Hunter eigentlich nur wegen einem Buch bekannt: “Im Fadenkreuz der Angst” (im Original “Point of Impact”), besser bekannt als Vorlage des Hollywood-Films “Shooter” mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle des Scharfschützen Bob Lee Swagger. “Lange vor Lee Child und dessen Jack Reacher hat er den knarzigen, aus der Zeit gefallenen Ex-Soldaten und Niemals-Zivilisten als Thriller-Protagonisten etabliert”, schreibt Mayer dazu. Dieses Buch habe ich ebenso wie das blutgetränkte White-Trash-Drama “Die Gejagten” auf Deutsch gelesen.

Im Original gelesen habe ich hingegen das 2.Weltkriegs-Scharfschützendrama “The Master Sniper”, “The Second Saladin” sowie den Bob-Lee-Swagger-Thriller “Black Light” (im Dezember ist das Buch unter dem Titel “Nachtsicht” im Festa-Verlag auf Deutsch erschienen). Bob Lee Swagger spielt in einigen der wichtigsten Hunter-Romane die Hauptrolle, in anderen wiederum dessen Vater Earl, der selbst Scharfschütze war. Wer sich jetzt wundert: Ja, die Swaggers sind „natural-born people oft he gun“, wie es im Bob-Lee-Swagger-Roman “I, sniper” heißt. Und ja: Stephen Hunter ist ein absoluter Waffennarr, der das Recht auf Tragen von Waffen vehement verteidigt. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. Wer Amerika besser verstehen will, sollte unbedingt einen dieser präzisen und waffenstrotzenden Hunter-Thriller lesen.

Zumal sie nicht einfach nur hirnlose Waffenorgien-Phantasien sind. Hunter ist laut Mayer “ein Master des Pulp, des keinen Blutspritzer scheuenden Thrillers. Keine Dumpfbacke, kein Flachschreiber a la Clancy oder (inzwischen) Forsyth, von Brad Thor, Dale Brown und unzähligen Holzschnitzern mehr zu schweigen, sondern ein Autor intelligenter, komplexer, moralisch fordernder (morally challenged, könnte man sagen) und begeisternder Spannungsliteratur feinster Sorte.”

Jetzt ist dieser Text zu Stephen Hunter umfassender geworden als gedacht. Denn eigentlich wollte ich über einen ganz anderen Autor schreiben, dem sich Mayer gewidmet hat und der in meiner Suspense-Leser-Werdung eine vielleicht noch wichtigere Rolle spielt: Gerald Seymour. Dazu in Kürze mehr.

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3 Comments

Filed under Altmeister, Krim(i)skrams

3 responses to “Zurück zu meinen Suspense-Wurzeln (I): Stephen Hunter

  1. Sehr schöner Beitrag, ich bin auch sehr dafür, Krimi nicht als singuläres Phänomen zu betrachten, sondern in einen Kontext einzubetten und weiterführende Informationen zu geben. Schwierig ist dabei die Dosierung: Wie hält man die Waage zwischen Texten, die höchstens noch für Kulturwissenschaftler und Hobby-Experten interessant sind, und Texten, die auch den uninformierten Leser noch packen können. Alf Mayer hat da die Balance gefunden.

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