Don Winslow: Missing. New York

(c) Droemer

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Die von mir sehr geschätzten Krimikritiker Thomas Wörtche und Marcus Müntefering bezeichnen Don Winslow nach der Lektüre seines aktuellen Buches “Missing. New York” als reaktionär. Das kann man hier und hier nachlesen. Sie mögen beide irgendwo recht haben, während des Lesens ist mir das aber nicht aufgefallen. Ich habe schon erwähnt, dass ich das eigentliche Problem mit Winslow in der hohen Erwartungshaltung sehe: Winslow, Autor von “Tage der Toten” und anderen Genre-Meisterwerken, darf einfach keinen durchschnittlichen Thriller schreiben.

Doch “Missing. New York” ist genau das. Ein durchschnittlicher Thriller. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Als Leser rast man durch die Geschichte und bleibt am Ende mit einem etwas leeren Gefühl zurück – wobei ich hier sagen muss, dass das mein allgemeines Problem mit klassischen Thrillern ist: Diese Leere danach. Dennoch werde ich ohne Zögern auch Band zwei (bei seiner Lesung in Wien offenbarte Winslow, bereits die Plots für sechs weitere Bände entwickelt zu haben) der Serie rund um den Ex-Polizisten Frank Decker lesen. Winslow mag nicht so glänzen, nicht so brillant sein, wie man es von ihm gewohnt ist. Und: Ja, es ist ein wenig altmodisch, es fehlt auch die Raffinesse. Dennoch hat mir sein Buch Spaß gemacht. Winslow muss nicht jedesmal Maßstäbe setzen und das Genre neu definieren, es reicht auch, mich gut zu unterhalten.

Wenn der Cowboy auf Detektiv umsattelt

Interessant finde ich, dass Winslow seinen Frank Decker in einer Noir-Tradition sieht, die seiner Ansicht nach aus dem Western-Genre hervorgeht. Er wollte mit Decker also eine Art Hommage an diese beiden Traditionen schreiben. Winslow hält es laut “Süddeutsche Zeitung” für keinen Zufall, dass der Hardboiled-Krimi in Kalifornien entstanden ist: “Auf seinem Weg zur Frontier sei der Cowboy vom Meer aufgehalten worden und habe auf Detektiv umsatteln müssen. Beide, Cowboy und Detektiv, folgten jedoch demselben Moralkodex”. Das ist eine These, mit der man sich einmal genauer beschäftigen sollte.

Süddeutsche-Autor Christopher Schmidt erfreut sich übrigens auch an den “metaphorischen Verneigungen vor den Noir-Vätern im Philip-Marlowe-Gedächtnis-Stil”, an denen sich die restlichen Kritiker eher stoßen. Faszinierend einmal mehr, wie unterschiedlich man Bücher lesen kann.

Ich persönlich glaube ja, dass sowohl das zu Jahresbeginn erschienene und durch die Bank verrissene Militärdrama “Vergeltung” sowie die Frank-Decker-Reihe für den Autor willkommene Ablenkung und Entspannung abseits seines Großprojekts “Power of the dog II” geboten haben, an dem er (wie schon bei “Power of the dog”) rund fünf Jahre herumtüftelte. Aber im Juni 2015, wenn “Jahre des Jägers” (so der deutsche Titel) erscheint, wissen wir mehr.

6 von 10 Punkten

Don Winslow: “Missing. New York”, übersetzt von Chris Hirte, 395 Seiten, Droemer.

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1 Comment

Filed under Rezensionen

One response to “Don Winslow: Missing. New York

  1. Hallo Peter!

    Ich muss ja ehrlich sagen, dass ich mit jeder Rezension, die ich zu MISSING NEW YORK lese, mich mehr und mehr auf seine anderen Bücher freue.
    Für mich war MISSING NEW YORK das erste Buch, das ich von Winslow gelesen habe, und mir gefiel es super. Aber ich hab ja auch keinen Vergleich zu seinen früheren Büchern.
    Dieses “nicht so gut wie seine früheren Bücher” zieht sich aber durch die gesamte Rezensionspalette. Egal, wo ich eine Rezension zu diesem Buch lese, kommt dieser Satz vor.

    Werde mich wohl langsam wirklich mit den älteren Winslow-Büchern eindecken müssen.

    Schönen Lesesonntag! Liebe Grüße, Iris

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