Franz Dobler: Ein Bulle im Zug

(c) Tropen

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Hauptkommissar Fallner hat bei einem Einsatz einen jungen Kriminellen erschossen. Er ist seitdem dienstunfähig. Seine Therapie, um wieder gesund und einsatzfähig zu werden: Er setzt sich in den Zug und fährt quer durch Deutschland. Das ist ein Kindheitstraum Fallners – und so soll der ständig in seinem Kopf herumspukende Junge endlich verschwinden.

Doch Maarouf, der Junge, wird das ganze Buch lang sein hartnäckiger Reisebegleiter bleiben. Dobler hat zwar einen Kriminalroman geschrieben, in klassische Genre-Kisten lässt er sich aber nicht packen. Es wirkt alles ein wenig ziellos, so wie Fallners Reise. Man kann Doblers Buch phasenweise als eine wahllose Aneinanderreihung kleiner Episoden von bahnfahrenden Menschen lesen. Doch man darf sich von dem Autor nicht täuschen lassen. Dobler betreibt ein raffiniertes Spiel mit dem Leser, wenn dieser bereit ist, sich darauf einzulassen. Allerdings ist der rote Faden nicht immer erkennbar. Man erfährt nebenbei so viele “nutzlose” und scheinbar zusammenhangslose Dinge, die sich allerdings zu einem beeindruckenden Panorama bzw. zu einer fesselnden Gesellschaftsanalyse zusammenfügen. Denn Dobler ist ein Meister der kleinen Szenen. Nicht selten hat er mich dabei zum Schmunzeln gebracht. Auch weil er so einen scharfen Blick hat – und ein immenses Gespür für Menschen und Situationen.

Fallner ist zwar oft nur Beobachter, aber natürlich die zentrale Figur. Dobler wühlt im Innenleben des beschädigten Polizisten, der mit seinen Dämonen fertigzuwerden versucht. Als ihn seine Psychologin fragt, ob es berufsbedingt sei, dass er jeden Vorgang grundsätzlich negativ sehe und deute bis zum Beweis des Gegenteils, antwortet Faller: “Würde passen, sicher”. Kurz darauf schildert Fallner das Beispiel eines Mannes, der seinen Rucksack wie einen Koffer in der Hand trägt (“… wieso trägt der seinen bescheuerten Rucksack in der Hand und nicht auf’m Rücken?”) und im Gehen in diesen greift (“Wenn er was sucht, dann ist es doch normal, dass du stehen bleibst”). “In dem Moment bin ich mir hundert Prozent sicher, dass der eine Knarre aus seinem Rucksack holt und mich angreifen wird”, sagt Fallner. Das klingt paranoid, verdeutlicht aber, welcher Druck auf Polizisten lasten muss. Wie geht er dann mit Ausnahmesituationen um, wenn ihn zudem Eheprobleme plagen und er schlicht müde ist?

“Ein Bulle im Zug” kann ich allen empfehlen, die ausgetretene Krimipfade verlassen wollen und gern mit der Bahn fahren (wobei das kein Muss ist). Ein Lob auch an die Verantwortlichen beim Verlag. Das Cover spricht mich total an. Zusammen mit dem Titel fasst es die Geschichte genial zusammen.

8 von 10 Punkten

Franz Dobler: “Ein Bulle im Zug”, 344 Seiten, Tropen Verlag.

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