Adrian McKinty: Die Sirenen von Belfast

(c) suhrkamp nova

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Bevor ich hier näher auf Adrian McKintys “Die Sirenen von Belfast” eingehe, will ich kurz Joe R. Lansdale zitieren, der in meiner Krimi-Bibel “Books to die for” Raymond Chandlers Schreibmethode erklärt: “Write the best scene and dialogue possible between people and keep about your work an air of mystery and suspense, and it won’t matter if all the gears click at the end. It’s the scenes that matter, and if your have enough good ones, the reader will forgive you.”

Warum ich dieses Zitat hier voranstelle? Weil es “Die Sirenen von Belfast” perfekt beschreibt. McKinty ist ein Meister der Szenen und Dialoge. Das ihm diesmal nicht der geniale Plot gelungen ist, stört (zumindest mich) nicht – denn das Buch ist voll von feinen Szenen. Es wäre allerdings vermessen, McKinty vergeben zu wollen. Danken muss ich ihm. Seitenweise war ich wirklich fasziniert und sehr demütig: Es war mir eine Ehre, durch die Seiten blättern zu dürfen. Es macht Spaß, einen Autor zu lesen, der ein derart perfektes Gefühl für Szenen hat. Kein Wort ist zu viel, keines zu wenig. Bilder entstehen im Kopf, auch seinen Humor mag ich. Und immer wieder der Gedanke: Ja, so möchte ich auch schreiben können…

Sein Roman ist letztlich – wie auch schon der Vorgänger, “Der katholische Bulle” – ein Sittenbild Nordirlands in einer der heißesten Phasen seiner Geschichte. Der mittlerweile in Australien lebende Autor baut unglaublich viele popkulturelle Bezüge in seine großartig erzählte Geschichte ein. Insider werden Chandler-Anspielungen erkennen, die TV-Serie “Dallas” wird ebenso wie der Tod des Kultautors Philip K. Dick erwähnt. Zudem wählt er mit Vorliebe Songtitel als Kapitelüberschriften aus (z.B. “A Town Called Malice” der britischen Band The Jam). So hat das Buch seinen ganz eigenen Soundtrack.

Im Zentrum steht wieder Detective Sergeant Sean Duffy. Als ein tiefgekühlter Torso in einem Koffer gefunden wird, scheint auf den ersten Blick klar, dass es sich nur um ein weiteres Opfer des Nordirlandkonflikts handeln kann. Doch bei McKinty ist nichts, wie es scheint. Fasziniert hat mich auch, wie er diesmal die Firmengeschichte der DeLorean Motor Company in seine Geschichte einwebt. Ausgerechnet der windige John DeLorean wird zum Hoffnungsträger der nordirischen Stadt Carrickfergus. DeLorean war im General-Motors-Vorstand, ehe er seine eigene Firma gründete, um seinen Traum eines “ethischen” Sportwagens zu verwirklichen. Diesen ließ er in Nordirland bauen, was kurzzeitig die Schaffung von Arbeitsplätzen bedeutete. Der DeLorean DMC-12 – das einzige tatsächlich hergestellte Modell, ein Flop – wird schließlich erst ab 1985 durch die “Zurück in die Zukunft”-Trilogie weltweit bekannt. Zu hohes Gewicht und zu schwacher Motor ließen den futuristisch aussehnden DMC-12 gegen den Porsche 911 und die Corvette alt aussehen.

Ich will exemplarisch nur eine von den zahlreichen guten Szene hervorheben. Er beschreibt, was für ein überraschendes Bild eine dunkelhäutige Frau auf den Straßen von Carrickfergus im Jahr 1982 darstellte: “Carrickfergus war ethnisch so komplex und bunt wie eine Mitgliedervollversammlung von Nazipartei und Ku-Klux-Klan.” Dennoch übt er sich nicht in political correctness: “Ich starrte die Frau einen Augenblick lang an. Das war nicht sehr feinfühlig, aber ich konnte nicht anders.”

9 von 10 Punkten

Adrian McKinty: “Die Sirenen von Belfast”, übersetzt von Peter Torberg, 387 Seiten, suhrkamp nova.

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1 Comment

Filed under Rezensionen

One response to “Adrian McKinty: Die Sirenen von Belfast

  1. Schon auf meiner Wunschliste.. Zusammen mit dem katholischen Bullen 🙂

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