Tom Hillenbrand: Drohnenland

(c) KiWi

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Momentan macht das Lesen wirklich Spaß. Dabei war ich vor allem bei “Drohnenland” skeptisch. Denn eigentlich dachte ich mir, ich lese das Buch zur Abrundung, um Marc Elsbergs “Zero” besser einordnen zu können – als Beiwerk sozusagen. Was meine Skepsis besonders genährt hat: Hillenbrand ist mit seinen “kulinarischen Krimis” rund um den Koch Xavier Kieffer bekannt geworden. Wenn mich ein Trend am Krimimarkt im Moment besonders nervt (ja, ich weiß, neben supergenialen Serienkillern natürlich), dann diese Schwemme an Krimis, die sich wie gut getarnte Kochbücher lesen. Das mag charmant sein, ich finde es großteils kalkuliert und aufgesetzt. Aber egal. Denn wer so zwischen den Welten wandeln kann wie Hillenbrand, muss gut sein. Sein Buch ist alles andere als ein Beiwerk. Und da bin ich nun sogar versucht, einen seiner kulinarischen Krimi zu lesen. Mein Respekt: Es ist wagemutig, erfolgreiche, aber abgetretene Pfade zu verlassen. Denn letztlich riskiert er damit auch ökonomischen Misserfolg.

Aber nun zu “Drohnenland”. Das ist ein kleines future-noir-Meisterwerk, das sich wie die logische Fortsetzung von Steven Spielbergs “Minority Report” (Stichwort: Pre-Crime, also die Vorhersage von Verbrechen aufgrund von Wahrscheinlichkeiten) liest. Drohnen überwachen unser Leben in jedem erdenklichen Moment. Eigentlich lückenlos. Aber zum Glück gibt es auch noch Ermittler wie Kommissar Westerhuizen, der in dieser erschreckenden Zukunftsvision wunderbar altmodisch daherkommt. In einer Welt, in der Polizisten Tatorte nicht mehr begehen, weil es perfekte “Spiegelungen” gibt, die man vor- und zurückspulen kann (im Schnelldurchlauf sowie in Zeitlupe natürlich), sollte kein Verbrechen unlösbar sein. Außer… Mehr will ich hier aber nicht verraten.

Es ist nicht nur die überzeugende Zukunftsvision eines komplett überwachten Europas (es gibt Assassinendrohnen, Hobodrohnen, Colibris usw.), die fasziniert. Es sind auch Hillenbrands Figuren sowie seine politischen und geopolitischen Szenarien. Die USA spielen überhaupt keine Rolle mehr, dafür aber Brasilien oder auch Portugal, das aufgrund seiner Wellenkraft zum reichsten EU-Land (es gibt 36 Mitglieder!) aufgestiegen ist. Was im ersten Moment wie Humbug klingen mag, wirkt beim Lesen vollkommen glaubwürdig und realistisch. Und auch sprachlich hat er es drauf. Ich finde seinen Einstieg genial:

“Er ist die mit Abstand bestangezogene Leiche, die mir je untergekommen ist: rahmengenähte Kalbslederschuhe, ein Mailänder Maßanzug, dessen Preis mein Monatsgehalt übersteigt, dazu ein bewusst nachlässig gebundener Steinkirk – nebst passendem Einstecktuch. Alles an ihm sitzt tadellos, außer seinem Gesicht. Dessen Überreste sind halbkreisförmig auf dem sandigen Boden verteilt.”

Da entstehen Bilder im Kopf. Zudem hat Hillenbrand einen angenehm klassischen Kriminalroman geschrieben, der halt einfach in einer (noch) unvorstellbaren Zukunft spielt. “Krekeler killt” schreibt dazu übrigens: “Das Interessante für das Genre ist nun, dass ein Kommissar eigentlich komplett überflüssig wird in der Zukunft. Westerhuizen könnte ein Letzter seiner Art sein. (…) Drohnen ersetzen dann nicht nur Soldaten, sondern auch Detektive. Weil es in einer Welt voller Aufklärungselektronik streng genommen keinen Aufklärer mehr geben muss.” Hut ab, Elmar Krekeler, besser kann man es nicht formulieren! Und Hut ab, Tom Hillenbrand – “Drohnenland” ist sicher eine der großen positiven Überraschungen dieses Krimijahres.

9 von 10 Punkten

Tom Hillenbrand: “Drohnenland”, 423 Seiten, KiWi.

 

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8 Comments

Filed under Erste Seiten, Rezensionen

8 responses to “Tom Hillenbrand: Drohnenland

  1. Zur ‘realistischen’ Abrundung empfehle ich Greenwalds ‘Die globale Überwachung’. Ich lese das gerade parallel zum gehörten ‘zero’, und die Überschneidungen sind teilweise wirklich gruselig!

    • Danke für den Hinweis! “Zero” hat mich zwar erzählerisch nicht so wirklich überzeugt, inhaltlich war es aber schon sehr augenöffnend. Bin gespannt.

  2. Philipp Elph

    Drohnenland kommt als nächstes Buch unter meine Leselupe. Und nach diesem Post freue ich mich schon darauf. Übrigens hebt sich die Reihe um Xavier Kieffer von dem Gros der Kochbuch- und Gourmet-Krimis ab, da Hillenbrand sich kritisch mit der Jagd nach ultimativen Kicks bei der Nahrungszubereitung – insbesondere durch Sterneköche – auseinandersetzt.

  3. Der von dir zitierte Einstieg ist tatsächlich brillant. Das Buch wäre an mir vorübergegangen, da ich Titel und Cover nicht sonderlich reizvoll finde, aber das, was du schreibst, klingt außerordentlich spannend. Danke alsoffür den Tipp!

  4. Philipp Elph

    Das wird kein ökonomischer Mißerfolg! Das wird ein Riesenerfolg!

  5. Pingback: Totale Überwachung: „Drohnenland“ von Tom Hillenbrand | My Crime Time

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