Matt Ruff: Mirage

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Matt Ruff stellt mit seinem Thriller “Mirage” die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf: Am 9.11.2001 steuern christliche Fundamentalisten zwei Flugzeuge in das Welthandelszentrum von Bagdad. Dieser Terroranschlag erschüttert die Vereinigten Staaten von Arabien (VAS) bis ins Mark. Die Supermacht besetzt daraufhin die Ostküste des rückständigen Entwicklungslandes Amerika.

Das ist ein spannendes Ausgangsszenario. Noch dazu wird dem Leser zu Beginn jedes Kapitels in Auszügen aus einem arabischen Wikipedia, der “Bibliothek von Alexandria”, diese Parallelwelt erklärt. Und diese ist durchaus skurril bzw. schräg verkehrt herum: Osama bin Laden ist ein Senator aus dem Staat Arabien, Saddam Hussein ein Gewerkschaftsführer des Bundesstaats Irak – und Berlin ist die Hauptstadt von Israel.

Die ersten 150 bis 200 Seiten hat diese Parallelwelt ihren Reiz. Es regt zum Denken an. Wie könnten wohl Araber unsere bzw. die fiktive und kaum entwickelte US-Welt sehen? Wie seltsam müssen ihnen die vielen Religionen in den USA anmuten? Ähnlich wie reale Amerikaner – aber auch Europäer – an der Unterscheidung der diversen Ausprägungen des Islams verzweifeln. Wenn es hoch her geht, können wir gerade einmal Sunnniten von Schiiten unterscheiden.

Die Parallelwelt bricht in sich zusammen

Letztlich bricht aber Matt Ruffs Parallelwelt Stück für Stück in sich zusammen. Das ist enttäuschend. Denn bloß alles umzudrehen, ist mir einfach zu wenig. Warum sollten in einer Parallelwelt genau die gleichen Personen auf den verschiedenen Kontinenten wieder entscheidende Rollen spielen? Saddam Hussein und seine Söhne dort, Donald Rumsfeld hier. Würden sie alle wieder von Wichtigkeit sein? Kaum vorstellbar eigentlich. Da würde es doch auch viele heute unbekannte Persönlichkeiten geben. Manche Protagonisten der Weltgeschichte würden wohl einfach sterben oder auch nie geboren werden. Das darf man also alles nicht allzu sehr hinterfragen.

Die große Enttäuschung aber ist, dass Ruff letztlich einem Gut-Böse-Schema verhaftet bleibt. Denn auch wenn die Ausgangssituation es nicht so vermuten lässt, sind Saddam Hussein und Osama Bin Laden auch in dieser Parallelwelt wieder einfach nur die Bösen. Das ist mir zu simpel. Und das Ende ist auch nur enttäuschend.

Zum Abschluss will ich noch auf zwei andere Meinungen verweisen. Auch Lutz Göllner kann auf crimemag seine Enttäuschung nicht verhehlen: “Leider hat Ruff es schon wieder nicht geschafft, einem Buch einen vernünftigen Abschluss zu geben. „Mirage“ ist 300 Seiten lang brillant und unterhaltsam, bricht dann aber unter der eigenen Last zusammen. Schade.” Günter Keil hingegen ist begeistert, wie er in seinem Blog schreibt: “So wie Matt Ruff hat sich noch kein Autor mit den Themen Terrorismus und Glaubenskriege auseinandergesetzt. Dadaurch, dass er den Spieß umdreht, enstehen schräge, lehrreiche Perspektiven. “Mirage”: eine brisante, raffinierte Satire.”

 5 von 10 Punkten

Matt Ruff: “Mirage”, übersetzt von: Giovanni und Ditte Bandini, dtv, 490 Seiten.

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1 Comment

Filed under Rezensionen

One response to “Matt Ruff: Mirage

  1. My Crime Time

    Ich muss ja zugeben, dass ich seit Wochen schon ganz heiß auf dieses Buch bin. Deine Rezi hat mir meiner Gier einen kleinen Dämpfer verpasst. Andererseits überzegt mich aber auch Günter Keil … Hilft ja nix, muss ich demnächst wohl doch mal sebst lesen. 🙂

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