Krimi-Klischees im österreichischen TV

Ich muss jetzt einmal über das öffentlich-rechtliche österreichische Fernsehen lästern. In der ORF-Sendung “Kulturmontag” haben am Montagabend “profilierte Krimifans” über das Phänomen “Krimi-Boom” diskutiert. Profilierte Krimifans? Geladen waren die Motivforscherin Helene Karmasin und Philosoph/Autor Franz Schuh.

Da stellte sich für mich gleich die erste Frage: Hat Österreich denn keine namhaften Krimiautoren, die man befragen könnte? Wo gibt es in Österreich Krimi-Experten wie Thomas Wörtche, Tobis Gohlis, Elmar Krekeler etc.? Stattdessen lädt man eine Motivforscherin ein, die sich gleich zu Beginn “outet”, dass sie sich jeden Abend einen Krimi reinzieht – als wäre das irgendetwas Verbotenes oder Anrüchiges. Moderatorin Clarissa Stadler kichert dazu.

Ab da war für mich diese Krimi-Kiste eingentlich gelaufen. Danach badete Karmasin aus meiner Sicht in den klassischen Krimi-Klischees: Sie sprach vom “Triumph der Struktur”: “Es ist ein Verbrechen geschehen und es wird aufgeklärt. Am Ende hat das Licht über die Schatten gesiegt. Verbrecher kommen und gehen, Kommissare bleiben. Gute Krimis sind geführt wie Marken, Sie wissen immer, was sie zu erwarten haben.”

Wenn ich das schon höre. Denn für mich ist Crime Fiction viel mehr als “am Ende siegt das Gute” und “Der Krimi ist eine Marke”. In der ganzen Sendung wurden keine konkreten Krimis besprochen, als Beispiel herangezogen. Was ist überhaupt ein Krimi? Worüber sprachen die da eigentlich? Karmasin sagte aber zumindest: “Letztlich ist der Krimi ein Nachdenken über die Gesellschaft.” Ja, zumindest das stimmt.

Als der Philosoph Schuh von einem Krimi schwärmte, in dem keine Leichen vorkommen, fragte Moderatorin Stadler einigermaßen naiv: “Wieso ist es dann ein Krimi, wenn es keine Leichen gibt?”. Doch die Frage blieb so stehen. Es war die letzte Chance, doch noch etwas Spannendes an diesem Abend zu erfahren. Stattdessen wurde weiter über “schrullige Kommissare” und wissenschaftliche Falllösung geplaudert. Auch vom “Krimi als Reiseführer” (ahh!) war die Rede.

Am Ende dankte dann Stadler für die “erhellenden An- und Einsichten”. Die hatte ich auch: Wann immer der ORF künftig über Krimis berichtet – ich werde abschalten!

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2 Comments

Filed under Krim(i)skrams

2 responses to “Krimi-Klischees im österreichischen TV

  1. mag. karl gatschur

    es war in der tat erschütternd, mitzuverfolgen wie da über ein genre, das sich in den letzten jahren wahrlich etabliert hat und den vergleich manch
    bejubelter “literatur” überhaupt zu scheuen braucht, dilettiert wurde.
    da arrogiert die kulturredaktion für sich mehr deenn andere redaktionen im orf dembildungsauftrag nach zu kommen, und dann wird beimdiesem thema
    nicht einmal an der oberfläche gekratzt geschweige denn seriös informiert und diskutiert.

  2. Hätte man da nicht Wolf Haas aufs Sofa setzen können? Und Krimis ohne Leichen finde ich auch spannend. Kann ja auch wunderbar klappen – siehe manches von Conan Doyle bis zu Dan Kavanagh. Wenn das mal keine Krimis sind! Würde ich (rein theoretisches Gedankenspiel) je selbst einen Krimi schreiben, würde ich mit folgender Frage ansetzen: Ist ein Krimi ohne Verbrechen möglich?

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