William Boyd: Solo

(c) Berlin Verlag

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James Bond kehrt zurück – als normaler Mensch und nicht überlebensgroß. Dem Schotten William Boyd ist es gelungen, dort anzuknüpfen, wo der 1964 verstorbene 007-Erfinder Ian Fleming aufgehört hat. Und ich weiß jetzt auch wieder, warum ich als Teenager von den Bond-Romanen “Leben und sterben lassen” und “Moonraker” so begeistert war, während mich die Filme eigentlich ziemlich kalt gelassen haben: Weil Flemings Bond zwar ein gut ausgebildeter Geheimagent ist, der aber lange nicht so überzeichnet und comichaft wie in vielen Filmen auftritt. Gerade die zwei oben genannten Verfilmungen der Fleming-Originale wirken fast wie Klamauk.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die “Solo”-Rezension bei “Spiegel Online”. Darin schreibt Sebastian Hammelehle: “Anders als in ‘Skyfall’ aber ist 007 in ‘Solo’ derart auf Normalnull geschrumpft, dass er schon fast beim Bundesnachrichtendienst arbeiten könnte: Er benutzt die U-Bahn, gibt sich am Telefon als Kaufhausbesitzer aus, stiehlt gar einer Geliebten den Reisepass. Banalitäten des Agentenlebens, die im Roman nur dann Wirkung hätten zeigen können, wenn Boyd sich darauf konzentriert hätte, ein ganz neues Bild von James Bond zu entwerfen.” Meiner Meinung nach hat der Rezensent zwar wohl alle Bond-Filme gesehen, vermutlich aber niemals eines der Fleming-Bücher gelesen, denn sonst könnte er nicht zu diesem Urteil kommen. Denn es sind gerade diese Banalitäten des Agentenlebens, die Fleming geschildert hat. Boyd, der alle Fleming-Romane gelesen hat, hat bewusst kein neues Bild von 007 gezeichnet, er lässt ihn stilgerecht weiterleben.

Zum Inhalt: Der britische Kultagent feiert in “Solo” gerade seinen 45. Geburtstag. Dabei wird James Bond auf den ersten Seiten von einem Alptraum heimgesucht, der ihn in die Zeit als junger Fallschirmjäger während des Zweiten Weltkriegs zurückführt. 007 macht auch die Bekanntschaft einer schönen Unbekannten, die im Verlauf des Buches noch eine Rolle spielen wird. Sein eigentlicher Auftrag führt Bond dann in ein fiktives afrikanisches Land, in dem Bürgerkrieg herrscht.

Gekonnt verbindet Boyd Flemings Werk mit seinem eigenen Buch. Da gibt es viele Anspielungen auf die Vergangenheit Bonds. Wenn 007 etwa den Tarnnamen Bryce verwendet, werden Insider wissen, dass er diesen Namen bereits in “Leben und sterben lassen” benutzt hat. Und auch sein alter CIA-Freund Felix Leiter darf nicht fehlen. Fleming-Fans werden also begeistert sein, denn Boyd trifft Flemings Ton perfekt – anders als Jeffery Deaver mit “Carte Blanche” vor einem Jahr. Mein Urteil in der “Presse”-Rezension lautete jedenfalls : “Am Ende hat man ein spannendes, klischeefreies und politisches Buch gelesen, das dem Mythos James Bond neue persönliche Seiten abgewinnt.” Vor allem die letzten 30 Seiten, in denen Boyd die Geschichte entschlüsselt und Bonds ewiges Dilemma thematisiert, zeigen Boyds Klasse. Ich habe in letzter Zeit kaum einen besseren Schluss gelesen. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn Boyd die James-Bond-Serie fortsetzen würde.

Einen ausgezeichneten und sehr lesenswerten Beitrag hat übrigens Martin Compart (der noch viel, viel mehr über Bond weiß als ich) in seinem Blog verfasst. Er schreibt darin: “Boyd war nicht daran interessiert, Bond zu modernisieren oder akzeptabler für ein politisch korrektes Publikum zu machen. (…) Vom Film-Bond ist er so weit entfernt wie die TAGESSCHAU von politischer Analyse.” Unbedingt lesen!

8 von 10 Punkten

William Boyd: “Solo”, übersetzt von Patricia Klobusiczky, Berlin Verlag, 365 Seiten.

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