Paolo Roversi: Milano Criminale

(c) Ullstein

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Nach Giancarlo de Cataldos Gangsterepos “Romanzo Criminale” legt nun eine weiterer italienischer Autor eine Chronik des Verbrechens vor. Paolo Roversi hat mit “Milano Criminale” für Mailand das getan, was de Cataldo für Rom getan hat. Als Ausgangspunkt wählt er den 27. Februar 1958. An diesem Tag überfielen Bewaffnete auf offener Straße einen Geldtransporter. Unter den Schaulustigen befanden sich auch zwei gegensätzliche Jungen: Roberto und Antonio. Der Tag verändert auch ihr Leben: der eine wird Verbrecher, der andere Polizist. Und ihre Wege werden sich kreuzen.

Das ist eine wirklich feine Ausgangsposition. Doch Roversi wollte mehr. Er gibt sich nicht mit dem Porträt dieser beiden widersprüchlichen Männer zufrieden, sondern will der Verbrecherwelt der Stadt ein literarisches Monument setzen. Gerade zu Beginn seines Romans tauchen fast auf jeder Seite neue Charaktere auf – so als hätte Roversi Angst gehabt, irgendeinen Verbrecher der damaligen Zeit nicht zu erwähnen. Immer wieder erliegt Roversi auch dem Charme der ausgefuchsten Verbrecher, diese werden stellenweise ziemlich unverblümt romantisiert. Man hat da schon manchmal den Eindruck, dass seine Sympathien den genialen Bankräubern gelten und nicht den verbissenen Polizisten, wie auch folgendes Zitat zeigt:

“Wir haben eine Mission. Wir sind keine x-beliebigen Kriminellen, sondern tapfere Krieger, die mit der Pistole im Anschlag die Revolution vorantreiben! Wir sind keine Verbrecherbande, sondern ein Partisanenkommando, das gegen die bestehende Macht kämpft: die Finanzmacht!”

Dennoch liest sich das mitunter wirklich faszinierend, auch wenn Roversi eben immer wieder den Faden verliert. Erst ab der Hälfte des Buches konzentriert er sich wieder stärker auf die Feindschaft von Roberto und Antonio sowie die privaten Probleme und Sorgen der Gegenspieler. Trotz all dieser Schwächen habe ich “Milano Criminale” gern gelesen. Denn Roversi entführt auch in eine vergangene Zeit, in der Verbrecher tatsächlich noch als eine Art Widerstandskämpfer empfunden wurden. Und wer hat schon Mitleid mit einer Bank?

Interessant finde ich auch, dass Roversi auf Seite 169 auf einen Mailänder Autor Bezug nimmt, der den Grand prix de littérature policière, den renommierten Preis für Kriminalliteratur erhalten hat. Denn wenn er über diesen schreibt, ist es fast so, als würde er darüber schreiben, was er mit “Milano Criminale” erreichen wollte: “Die Romane dieses Schriftstellers sind nicht nur kongeniale Krimis, sondern ein kostbares Abbild einer Epoche, das getreue und authentische Zeugnis der zu Ende gehenden sechziger Jahre, das mitleidlose Porträt eines kurzatmigen Landes, durch das ein böser Wind weht. Kurz gesagt, ein ganz anderes Bild als jenes, das die Zeitungen gern von den Jahren vermitteln, die die Jahre des Wirtschaftsbooms genannt werden.”

Das Buch endet jedenfalls so, dass mit einem weiteren Teil stark zu rechnen ist. Und ich muss sagen, ich wäre wieder dabei. Denn irgendwie hat es Roversi geschafft, mich zu packen. Manchen Autoren verzeiht man eben auch ihre Schwächen.

Paolo Roversi: “Milano Criminale”, übersetzt von Esther Hansen, Ullstein, 461 Seiten.

6 von 10 Punkten

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