Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer

(c) Tropen

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Das Beispiel Joe R. Lansdale zeigt gut, dass Kriminalliteratur und Literatur nicht wirklich zu trennen sind. Es gibt einfach gute und schlechte Bücher. Und gute und schlechte Autoren. Punkt. Lansdale ist auf alle Fälle ein außergewöhnlich guter Autor, der sich um Genre-Grenzen ohnehin nicht schert. Und sein aktueller Krimi “Dunkle Gewässer” ist ebenfalls außergewöhnlich gut. Das zeigt sich bereits beim ersten Satz, wie ich hier schon eimal erwähnt habe – und hält 320 Seiten lang an. “Dunkle Gewässer” ist eine bluttriefende Noir-Interpretation des Mark-Twain-Klassikers Huckleberry Finn, den ich übrigens für eines der besten literarischen Werke überhaupt halte, obwohl es gern als Jugendbuch eingeordnet wird.

Worum geht es in dem Buch, das in der Zeit der Großen Depression in den USA spielt? Ich zitiere mich dazu kurz selbst: In Lansdales Buch stirbt die Hoffnung gleich zu Beginn: in Gestalt von May Lynn, dem schönsten Mädchen der Gegend. Sie träumte von einer Karriere in Hollywood, das in den 1930er-Jahren wie ein magischer Ort, eine Art Oz, erschienen sein muss. Doch ihre Freunde Sue Ellen, Terry und Jinx finden, dass die Tote etwas Besseres verdient hat, und wollen ihre Asche in Hollywood verstreuen. Als sie sich auf die Suche nach der Beute aus einem Banküberfall machen, beginnt ihre verhängnisvolle Reise entlang des Sabine River.

Was mich an “Dunkle Gewässer” am meisten begeistert hat, ist die Erzählkraft des Autors. Er versteht es, Bilder zu schaffen, mit Sprache kreativ umzugehen und Charaktere innerhalb nur weniger Seiten so zu erschaffen, dass man sie lange bei sich behält. Es macht wirklich Spaß, dem Autor von Seite zu Seite zu folgen. Da ist kein Wort zu viel oder ungewollt. Der Text fließt – wie der oben erwähnte Sabine River – auf sein dramatisches Ende zu.

Ich will Lansdale kurz zitieren, um zu zeigen, wie traumwandlerisch er sein Handwerk versteht: “May Lynn hatte keine Mama mehr, weil ihre Mama sich im Sabine River ertränkt hatte. Sie war zum Fluss runtergegangen, um Wäsche einzuweichen, aber stattdessen hatte sie sich ein Hemd um den Kopf gewickelt und war reingelaufen, bis das Wasser über ihr zusammenschlug”, heißt es zu Beginn des zweiten Kapitels. Wenige Zeilen später verknüpft der Autor das mit dem Schicksal von May Lynns Vater: “May Lynn hat oft erzählt, dass ihr Vater nicht mehr derselbe war, nachdem ihre Mutter sich ertränkt hat. Ihrer Meinung nach lag das daran, dass sie sich dabei sein Lieblingshemd um den Kopf gewickelt hatte. Wahre Liebe kann man da nur sagen.” Wie Lansdale hier eine tragische Geschichte mit nur wenigen Sätzen erzählt, zeugt von seiner Meisterschaft. Die Frau hat sich nicht einfach nur umgebracht, sondern hat mit der Wahl des Hemdes auch noch ein Zeichen gesetzt… Er tut es zudem mit einem humorvollen Unterton, der aber niemals deplatziert wirkt. Ähnlich begeistert war ich zuletzt nur von Don Winslow.

(c) Suhrkamp

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Mir persönlich ist die Geschichte nur manchmal doch ein wenig zu blutig – da kann Lansdale einfach seine Vorliebe für das Trashige des Horrorgenres nicht verhehlen. Auch die unheimliche Figur des Skunk hätte ich nicht unbedingt gebraucht.

(c) Suhrkamp

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Ansonsten aber freue ich mich schon auf mein nächstes Lansdale-Buch: Die Taschenbuch-Ausgabe von “Kahlschlag” (zur Rezension von zeilenkino.de) habe ich bereits im Regal stehen und im Juni erscheint “Gluthitze” ebenfalls als Taschenbuch.

Joe R. Lansdale: “Dunkle Gewässer”, übersetzt von Hannes Riffel, Tropen, 320 Seiten.

9 von 10 Punkten

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