Cathi Unsworth: Opfer

(c) suhrkamp nova

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In dem englischen Küstenort Ernemouth hat in den 1980er Jahren ein grausamer Ritualmord die Idylle zerstört. Zwanzig Jahre später kommt der Privatdetektiv Sean Ward in die Stadt, um die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Das ist die Ausgangssituation in dem Kriminalroman “Opfer” der Britin Cathi Unsworth. Und es hat einen guten Grund, warum Unsworth den Ort Ernemouth erfunden und nicht eine echte Stadt gewählt hat. Denn schon bald wird klar, dass hinter der Fassade des netten, kleinen Ernemouth die Hölle auf Erden steckt – zumindest für viele Jugendliche. Kaum etwas ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Unsworth hat einen atmosphärisch dichten Spannungsroman geschrieben, der mit interessanten Charakteren aufwartet. Von Ermittler Sean Ward, einem ehemaligen Polizisten, würde man gern mehr lesen. Dabei steht er nicht unbedingt im Zentrum der Handlung. Es sind vor allem die Jugendlichen, mit denen man mitfiebert. Spannend ist hierbei auch, welche Rolle Unsworth der Musik und deren Bedeutung für Pubertierende zukommen lässt. Als ehemalige Musikredakteurin (“Sounds”, “Melody Maker”) hat sie dafür wohl auch ein Faible. Immer wieder beschreibt sie etwa Plattencover, ohne die Band zu nennen, die sich dahinter versteckt. Erst mit Hilfe der Danksagung konnte ich so ein entscheidendes Album entschlüsseln. Ein Krimi auch abseits der gedruckten Seiten also – das gefällt mir.

Daniel Haas von “Deutschlandradio” schreibt über “Opfer”: “Dass Familie dabei der Ort maximaler Nähe, aber auch der des maximalen Grauens ist, diese Lektion ist nicht neu. Aber im Medium des Kriminalromans bekommt sie noch einmal eine bestürzende Wucht.”

Neben den Leiden des Erwachsenwerdens geht es aber auch um das korrupte System einer Kleinstadt, das Unsworth gekonnte seziert. Überhaupt spürt man, dass Unsworth ihr Handwerk versteht. Dass man als Leser sehr lange nicht weiß, wer eigentlich das Opfer ist, erzeugt Spannung, wirkt gleichzeitig aber auch nicht gekünstelt oder konstruiert.

Cathi Unsworth: “Opfer”, übersetzt von Hannes Meyer, suhrkamp nova, 382 Seiten.

8 von 10 Punkten

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1 Comment

Filed under Rezensionen

One response to “Cathi Unsworth: Opfer

  1. Das ist richtig: Die Autorin versteht ihr Handwerk und lässt mit zahlreichen Andeutungen beim Leser eine dunkle Vorahnung aufkommen. Gut gemacht!

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