Kevin Wignall: Das Flüstern des Todes

(c) Heyne

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Der Brite Kevin Wignall macht es den Lesern leicht, seine Bücher nicht zu mögen: Seine Helden sind skrupellose Auftragskiller. Das war bereits im 2010 auf Deutsch erschienenen “Die letzte Wahrheit” (damit war Wignall übrigens für Edgar- und Barry Award nominiert) und im 2012 publizierten “Zurück bleibt der Tod” so. Und auch das Anfang April veröffentlichte “Das Flüstern des Todes” macht keine Ausnahme. Darin rettet Killer Lucas der jungen Ella Hatto das Leben. Zwei andere Auftragsmörder wollten sie auf einem Italien-Trip töten. Zeitgleich werden die Eltern und der Bruder von Hatto tatsächlich ermordet. Lucas wird in der Folge zum Beschützer des Mädchens und ihres Freundes.

Wer sich nun aber eine 08/15-Geschichte erwartet, irrt. Wignall versucht sich an einem Psychogramm eines Mörders, den existentielle Fragen plagen. Gibt es für Kerle wie Lucas, die dutzende Leben auf dem Gewissen haben, noch einen Weg zurück in ein normales Leben? Kann man sich tatsächlich ändern? Wignall macht es dem Leser dabei nicht einfach, Sympathien für Lucas zu empfinden. Er porträtiert ihn als in sich gekehrten einsamen Mann der Gewalt, der mit der Gesellschaft nichts anfangen kann. Typische Attribute für Wignall-Hauptfiguren. Sein reduzierter, knapper Erzähl-Stil ist passend, blumige Ausschmückungen würden kitischig wirken. “Das Flüstern des Todes” soll übrigens von Regisseur Philipp Noyce (zuletzt “Salt” und “Rabbit Proof Fence”) mit Sam Worthington (“Zorn der Titanen”) verfilmt werden, wie “Variety” berichtet.

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Zwei Sätze aus “Die letzte Wahrheit” bringen Wignalls Bücher ganz gut auf den Punkt: “Er konnte nicht behaupten, sein Gewissen wiederentdeckt oder mitleidvolles Einfühlungsvermögen gewonnen zu haben. Geheilt war er nicht, aber das Zusammentreffen mit Anneke hatte ihn ausreichend aufgerüttelt, um plötzlich zu erkennen, dass mit ihm etwas nicht stimmte, dass ein gesunder Mensch nicht so lebte und solche Dinge tat, ohne Gewissensbisse zu verspüren.” Bei Wignalls Hauptfiguren, den Auftragsmördern, erwacht das Gewissen nur mühsam aus dem Tiefschlaf. Einfühlungsvermögen ist für sie ein Fremdwort. Aber irgendwann erkennen sie, das es nicht normal ist, was sie tun.

Ich verstehe, dass damit viele Leser – die Amazon-Kritiken weisen darauf eindeutig hin – ein Problem haben. Wie will man sich in gewissenlose Mörder einfühlen? Auch ich hatte damit meine Probleme. Doch leider gibt es solche Typen da draußen überall auf der Welt. Mehr Probleme hatte ich in diesem Fall aber mit der unglaubwürdigen Entwicklung des Charakters von Ella, ohne Lese-Interessierten hier mehr verraten zu wollen.

Auf zwei Aspekte will ich noch hinweisen:

  • Die Cover-Gestaltung sowie die Wahl des Titels und Rückentexts würde ich schlichtweg als misslungen bezeichnen. “Das Flüstern des Todes” ist so etwas von nichtssagend und das Messer am Cover lässt einen der unsäglichen Serienkiller-Thriller erwarten. Das Messer wurde wohl auch nur gewählt, um das Jeffery-Deaver-Zitat “Hart, packend und scharf wie eine Rasierklinge” auf dem Cover zu rechtfertigen. Obwohl das Bild dann immer noch hinkt, weil es ein Messer und keine Rasierklinge ist… Und wenn ich schon den Rückentext “Wenn die Angst dich packt …” lese – da stellen sich echt alle Nackenhaare auf. Geht’s noch platter?
  • (c) Heyne

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    Interessierte sollten zudem einen Blick auf Kevin Wignalls Homepage werfen. Dort findet sich unter anderem ein Beitrag zu seiner ungewöhnlichen Veröffentlichungsgeschichte. Sein Buch “Dark Flag” etwa wurde in Großbritannien nicht publiziert und fand über den Umweg Finnland den Weg nach Deutschland, wo es als “Zurück bleibt der Tod” veröffentlicht wurde. Der Autor dazu: “People ask why I’m not published in Britain even though I’m able to embark on successful tours of the likes of Finland and Germany.  Or they ask why some of my books are available in the USA but not all.  They’re asking me questions I cannot answer.”

Fazit: Auch ich bin ein wenig gespalten, was Kevin Wignall betrifft. Aber eines gefällt mir: Er ordnet sich keiner Krimi-Mode unter und biedert sich dem Leser nicht an.

6 von 10 Punkten

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