Liad Shoham: Tag der Vergeltung

(c) Dumont

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“Tag der Vergeltung” von Liad Shoham ist ein erstklassiger Thriller aus Israel. Er seziert darin das israelische Justizsystem anhand eines Vergewaltigungsfalls gekonnt. Wer jetzt aber einen typischen Gerichtssaal-Thriller á la Grisham erwartet, wird enttäuscht – zum Glück. Denn was in der US-Spannungsliteratur oft allzu routiniert abgehandelt wird, nimmt Shoham als Ausgangsbasis für “eine Anklageschrift gegen das Justizsystem in Israel” (so wird die israelische Zeitung “Haaretz” am Buchrücken zitiert). Er schlachtet die Vergewaltigung nicht voyeuristisch aus, sondern zeigt, wie das Opfer nach der schrecklichen Tat in der Folge immer wieder  – diesmal aber nicht sexuell – missbraucht wird.

Spätestens seit der dritten Staffel der HBO-TV-Serie “The Wire” weiß man, dass es der Polizei nicht unbedingt um die Aufklärung von Fällen geht, sondern um die Erfüllung von bestimmten Quoten. Dieses Gefühl wird man in “Tag der Vergeltung” niemals los. Es geht um vieles, aber nicht um die Interessen des Opfers: Da spielen Polizisten, Staatsanwälte, Journalisten, Mafia und Richter ihre Machtspielchen. Der Tatverdächtige wird so schon bald zum größten Sympathieträger der Geschichte. Und ein unmoderner, ins Alter gekommener Polizist zu seiner größten Hoffnung.

Shoham erzählt seine Geschichte aus vielen unterschiedlichen Perspektiven: des Opfers, des mutmaßlichen Täters, des ermittelnden Polizisten, eines Journalisten, eines Mafia-Soldaten und Vertretern der Justiz. Sie alle unterliegen Zwängen, irgendwie versteht man all ihre Handlungsweisen, die sich mitunter nahezu aufdrängen. Zunehmend kommen beim Lesen Zweifel auf, ob man wirklich immer in seinem Leben eine Wahl hat. Manchmal ist es so, als wären die Figuren in einem riesigen Spinnennetz gefangen.

Shoham überzeugt durch seine präzise Charakterzeichnung. Seine Figuren sind ebenso authentisch wie die Handlung glaubwürdig ist. Das könnte alles so stattgefunden haben. Der Autor scheut dramatische Action, die Spannung entsteht aus den Charakteren heraus, die er mit viel Empathie beschreibt. Sein Buch kann durchaus als Plädoyer für Menschlichkeit verstanden werden – egal wie aussichtslos der Kampf gegen die Unbarmherzigkeit des Systems auch erscheinen mag. Bleibt zu hoffen, dass “Tag der Vergeltung” nicht das letzte Buch Shohams ist, das ins Deutsche übersetzt wird.

Liad Shoham: “Tag der Vergeltung”, übersetzt von Ulrike Harnisch, Dumont, 351 Seiten.

7 von 10 Punkten

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5 Comments

Filed under Rezensionen

5 responses to “Liad Shoham: Tag der Vergeltung

  1. Das Buch wird mir auch bald geliefert, ich bin schon sehr gespannt darauf.

  2. Fein, dann noch viel Spannung!

  3. Ich bin gerade am Lesen von “Tag der Vergeltung”. Spannend ist der Roman auf jeden Fall. Allerdings werde ich nicht so recht warm mit der Geschichte.

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