Madison Smartt Bell: Die Farbe der Nacht

(c) liebeskind

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“Wie mein Herz frohlockte, als die Türme einstürzen”, lautet der erste Satz in Madison Smartt Bells Buch “Die Farbe der Nacht”. Die Rede ist von den Twin Towers in New York. 9/11 ist in Bells düsterem Werk aber nicht nur der Ausgangspunkt, sondern steht auch für ein Wiedersehen. Und nicht zufällig hat der US-Autor ausgerechnet die einstürzenden Türme ausgewählt. Sie stehen repräsentativ für vieles in seiner Geschichte rund um Ich-Erzählerin Mae und ihr Leben in einer kaputten Welt: Verlust, Erinnerung, religiösen Wahn. Kenner der griechischen Mythologie werden ebenso auf ihre Kosten kommen: Dionysos, Orpheus und Euridyke sind unschwer zu erkennen und haben wichtige Auftritte.

“Die Farbe der Nacht” ist kein Buch, das man einfach verschlingen kann. Es umfasst zwar 84 Kapitel auf nur 237 Seiten, verlangt dem Leser einiges ab. Man braucht gut 50, 60 Seiten, um sich an die kapitelweise wechselnden Zeitsprünge zu gewöhnen, doch dann entfalten sich Sprachgewalt und Wucht der Erzählung vollends. Der Autor erspart dem Leser dabei wenig: Stück für Stück offenbart er all die Unvorstellbarkeiten, die Maes Kindheit prägten und sie für ihr restlichen Leben im wahrsten Sinne des Wortes stählten. Über ihren Peiniger sagt Mae: “Ich beobachtete ihn, studierte ihn, während er arbeitete. Eine Seltenheit, ihn so in etwas vertieft zu sehen. Dieselbe präzise, gebündelte Aufmerksamkeit hatte er auch, wenn er Fliegen die Flügel auszupfte. Oder mir Schmerzen zufügte, mit andächtiger und unbändiger Konzentration”.

Es ist ein verstörendes Porträt, das der Autor von Mae zeichnet. Nach außen hin führt sie ein unscheinbares Leben, aber nur knapp unter der Oberfläche brodelt es. Dieser Frau möchte man niemals begegnen. Sie ist nicht nur Opfer, sondern auch Täterin. Was sie tatsächlich alles getan hat, weiß sie selbst nicht mehr so genau. Mae hat einen schützenden Panzer des Vergessens über gewisse Aspekte ihrer Untaten gelegt.

Mae ist vieles widerfahren in ihrem Leben – selten Gutes. Nicht ohne Grund sagt sie einmal selbst: “Liebe. Der Begriff machte mir zu schaffen.” Und doch ist “Die Farbe der Nacht” auch eine außergewöhnliche Liebesgeschichte – vorausgesetzt, man definiert Liebe drastisch neu. Madison Smartt Bell hat ein erschütterndes Buch abseits jeglicher Klischees geschrieben, das eine Welt beschreibt, von der man befürchtet, dass es sie da draußen irgendwo gibt. Aber hoffentlich weit, weit weg.

8 von 10 Punkten

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