Pete Dexter: Paperboy

(c) Liebeskind

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“Mein Bruder Ward war einmal berühmt”. Mit diesem Satz beginnt Pete Dexters Roman “Paperboy”. Wer 300 Seiten später das Buch zuschlägt, weiß welche Tragödie sich hinter diesen sechs Worten verbirgt. Dem Autor, dem “letzten lebenden Großmeister des Roman noir” ((c) Stern), ist ein kleines Meisterwerk gelungen. Er zaubert aus klassischen Krimi-Zutaten einen wahren Lese-Leckerbissen.  Denn wer kennt diese Ausgangssituation nicht: Ein Mann sitzt in der Todeszelle, zwei ehrgeizige Jung-Journalisten wollen sich einen Namen machen und ihn retten. Das Thema ist mehr als ausgereizt. Wer denkt da nicht an Grisham? Doch was Dexter daraus macht, ist wirklich beeindruckend.

“Paperboy” erzählt viele kleine Geschichten – auf eine ruhige und unaufgeregte Art, die man kaum mehr zu lesen bekommt. Er porträtiert das kleinstädtische Amerika ebenso scharf wie seine handelnden Charaktere oder die Mechanismen des Journalismus. Das hat auch Hollywood erkannt. Sein Buch wurde 2012 verfilmt – mit Nicole Kidman, John Cusack, Matthew McConnaughey und Zac Efron. Momentan sieht es aber so aus, als würde dem Film im deutschsprachigen Raum ein DVD-Schicksal blühen. Der geplante Kinostart wurde (vorerst) abgesagt. Wenn man den Kritikern glauben kann, durchaus zurecht. Was umso mehr dafür spricht, das Buch vorzuziehen.

Zur Geschichte: Da ist Charlotte Bless. Sie schreibt an Männer in der Todeszelle Liebesbriefe. Hillary van Wetter, der wegen des Mordes an einem Polizisten einsitzt, ist ihr momentaner Favorit. Sie bittet daher die zwei aufstrebenden Journalisten (“Die Zeitungsjungen” – die Paperboys, wie sie van Wetter nennt) Ward James – den Bruder des Ich-Erzählers Jack – und Yardley Acheman, die Unschuld des Mannes zu beweisen. Dabei seziert Dexter das vermeintliche Team eindrucksvoll. Er offenbart, wie jeder – egal ob Charlotte, Ward, Yardley oder Jack – seine eigenen Interessen verfolgt. So ist der eine, Ward, ist der fleißige Rechercheur. Der andere, Yardley, ist die Edelfeder. Den beiden winkt im Erfolgsfall der Pulitzer-Preis, der begehrteste Award für US-Journalisten. Wie weit sind sie bereit dafür zu gehen? Und wie sehr bleibt die Wahrheit dabei auf der Strecke? Wer bislang an einen reinen, hehren Journalismus geglaubt hat, wird nach der Lektüre anderer Meinung sein.

Dexter war selbst investigativer Journalist. Er weiß also, wovon er schreibt. Doch als er sich eine blutige Nase zuzog, verlegte er sich auf das Schreiben von Büchern, schreibt “Die Welt”. Und Dexter ist kein Newcomer, auch wenn er im deutschsprachigen Raum immer noch wie eine Entdeckung gehandelt wird. In den 1980er Jahren erhielt er für “Paris Trout” den renommierten National Book Award. “Paperboy” ist übrigens 1996 erstmals auf Deutsch erschienen – unter dem Titel “Schwarz auf weiß”. Dennoch lohnt sich die Wiederentdeckung für alle, die ihn noch nicht kennen.

Dexters Sprache ist präzise und schnörkellos. Gewinner wird es am Ende keinen geben – außer dem Leser. Nur in einem Punkt irrt der Autor: Der Ich-Erzähler bezeichnet Yardley als den wohl einzigen Journalisten, der nicht schreiben kann, wenn rund um ihn herum die Hektik der Redaktion herrscht. Journalisten wie diese gibt es auch heute noch…

8 von 10 Punkten

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